Am 3. September 2026 hat die Weltorganisation für Meteorologie ihr quartalsweises El-Niño-Update veröffentlicht. Der bemerkenswerteste Satz darin ist keine Katastrophenwarnung, sondern eine methodische Notiz: Es ist das erste Mal, dass ein solches Update so eindeutig ausfällt. Das lohnt eine genauere Betrachtung – weniger wegen des Wetters, mehr wegen dessen, was das Ereignis über die Belastbarkeit unserer Systeme offenlegt.
Was die WMO heute gesagt hat
Die Kernaussagen des Updates:
• El Niño ist etabliert und wird sich in den kommenden Monaten zu einem sehr starken Ereignis verstärken, mit Höhepunkt gegen Jahresende und Klimawirkungen weit bis 2027 hinein.
• Die Global Producing Centres der WMO geben eine außergewöhnlich hohe Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 % an, dass El-Niño-Bedingungen bis Februar 2027 anhalten. Nach Angaben der WMO ist ein ENSO-Update erstmals so unmissverständlich – Ausdruck einer ungewöhnlich hohen Übereinstimmung im Modellnetzwerk.
• UN-Generalsekretär António Guterres kommentierte, El Niño werde „vor unseren Augen aufgeblasen”, und sprach von einer Gefahrenzone für Extremwetter.
• WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo verwies darauf, dass noch nie in der fünfzigjährigen Geschichte der Organisation eine Mobilisierung dieses Umfangs mit den nationalen Wetterdiensten gestartet worden sei.
Parallel dazu veröffentlichte die WMO das Global Seasonal Climate Update für September bis November. Dort steht die Zahl, die Aufmerksamkeit verdient: Der Niño-3.4-Index soll im Saisonmittel des Multi-Modell-Ensembles rund 3,6 °C über Normal liegen, mit Höhepunkt der Intensivierung im November und Dezember. Die Streuung zwischen den Einzelsystemen bleibe eng – die Modelle streiten also nicht. Zusätzlich wird ein positiver Indischer-Ozean-Dipol erwartet, mit einem Saisonmittel von 0,9 °C, und ein durchgehend warmer äquatorialer Atlantik.
Kurze Einordnung, damit die Zahl nicht überinterpretiert wird
3,6 °C klingt nach einem Bruch mit allem Bekannten – und wäre es, wenn man es unmittelbar mit den Spitzenwerten früherer Ereignisse vergleichen könnte. Kann man aber nur eingeschränkt. Es handelt sich um ein Ensemble-Mittel einer Saisonprognose über drei Monate, nicht um einen gemessenen Monatsspitzenwert. Die Rekordereignisse 1997/98 und 2015/16 lagen je nach Datensatz und Index bei etwa 2,4 bis 2,6 °C. Die WMO ist bei der Aussage selbst vorsichtig, in der Größenordnung aber deutlich. Wer es sauber formulieren will, sagt: Dieses Ereignis bewegt sich auf oder oberhalb des Niveaus des stärksten El Niño der modernen Messreihe, und die Modelle sind sich darin ungewöhnlich sicher.
Was bereits passiert – nicht in Prognosen, sondern in Betriebsmeldungen
Der Fehler in der öffentlichen Debatte ist die Zukunftsform. Die Wirkungen laufen längst.
Panamakanal. Die Kanalbehörde hat die täglichen Durchfahrten begrenzt: 34 Schiffe ab dem 4. September, 32 ab dem 15. September. Es ist eine Kehrtwende – im Mai hatte die Behörde noch erklärt, für 2026 keine Beschränkungen zu planen. Zur Erinnerung: Die Dürre 2023 reduzierte den Verkehr um rund 36 Prozent und schlug direkt in die globalen Frachtraten durch. Über den Kanal läuft ein Anteil des Welthandels in der Größenordnung von fünf Prozent.
Mittelamerika. El Salvador hat am 25. August den nationalen Notstand wegen El-Niño-bedingter Dürre erklärt. Aus Guatemala und Honduras werden schwere Ernteverluste gemeldet.
Südostasien. Indonesien erlebt eine verlängerte und intensivere Trockenzeit, mit Wald- und Torfbränden und Rauchverfrachtung bis nach Malaysia. In Teilen Javas ist der Zugang zu Grundwasser bereits eingeschränkt.
Kupfer. Antofagasta hat die Produktionsprognose 2026 im August auf 625.000 bis 655.000 Tonnen gesenkt, rund fünf Prozent unter der vorherigen Spanne, nachdem Stürme die größte Mine gestoppt hatten. Codelco korrigierte um etwa zwei Prozent. Bei Caserones fiel im Juli für 13 Tage die Netzversorgung aus. MMG nennt einen Super-El-Niño als zentrales Risiko des zweiten Halbjahres.
Der thermische Hintergrund. Juni 2026 war der wärmste Juni der Messreihe, die globale Meeresoberflächentemperatur erreichte 21,0 °C. Westeuropa verzeichnete den wärmsten Juni–Juli-Zeitraum seiner Geschichte, Frankreich einen neuen nationalen Juni-Rekord von 44,3 °C. Das erste Halbjahr 2026 war in sämtlichen sechs großen Datensätzen das drittwärmste je gemessene.
Die Rechnung
Die belastbarste Grundlage bleibt die Arbeit von Christopher Callahan und Justin Mankin, 2023 in Science erschienen. Sie schreiben den Ereignissen 1982/83 und 1997/98 globale Einkommensverluste von 4,1 bzw. 5,7 Billionen US-Dollar zu – Größenordnungen über allen früheren Schätzungen, weil sie nicht den Schaden im Ereignisjahr messen, sondern den verschleppten Wachstumsverlust danach. Ihr Befund: Volkswirtschaften nehmen den Schlag nicht einfach hin und erholen sich; die Delle kann bis zu vierzehn Jahre nachlaufen.
Auf dieser Basis hat Cullen Hendrix am Peterson Institute for International Economics das aktuelle Ereignis durchgerechnet, mit korrigierter Fassung vom 18. August:
• Erstjahresverlust: rund 986 Milliarden US-Dollar, etwa 0,8 Prozent des globalen BIP.
• Kumuliert über sechs Jahre: rund 17,6 Billionen US-Dollar, Konfidenzband 7,2 bis 28,5 Billionen.
• Verteilung: 353 Milliarden davon konzentrieren sich auf 51 Länder mit zusammen etwa 9,9 Billionen BIP – dort entspricht das 3,6 Prozent der Wirtschaftsleistung.
• Die zehn am stärksten televerbundenen Volkswirtschaften: Ecuador, Peru, Indonesien, Malaysia, Suriname, Panama, Nicaragua, Togo, Sambia, Costa Rica.
Hendrix nennt seine eigene Annahme ausdrücklich konservativ: Sie unterstellt ein Ereignis auf dem Niveau von 1997/98, obwohl sich die Hinweise mehren, dass dieses stärker ausfällt. Und er benennt den Verstärker, der in Klimaanalysen meist fehlt: Der Schock trifft eine Weltwirtschaft, die die monatelange Schließung der Straße von Hormus noch verarbeitet, mit belasteten Düngemittel-Lieferketten und einem daraus abgeleiteten Risiko eines Lebensmittelpreis-Peaks Ende 2026 bis Anfang 2027.
Europa merkt es nicht am Wetter, sondern an der Rechnung
Der Atlantik dominiert das europäische Wetter, El Niño wirkt hier nur schwach und indirekt. Das ist der Grund, warum das Thema in deutschen Redaktionen unter „ferne Länder” verbucht wird. Der Übertragungsweg ist ein anderer: Europa kauft.
Die Europäische Zentralbank hatte bereits 2023 gerechnet, dass ein starkes El-Niño-Ereignis die globalen Lebensmittelrohstoffpreise um bis zu neun Prozent anheben kann, mit einer Nachwirkung von bis zu zwei Jahren. Der IWF bezifferte den durchschnittlichen Effekt auf Endkundenpreise bei früheren Ereignissen auf rund fünf Prozent. Betroffen sind Kakao, Kaffee, Palmöl, Reis, Zucker, Weizen und Futtermittel. Im letzten Ereignis hat sich der Kakaopreis vervielfacht, Rohkaffee legte 2024 um rund 70 Prozent zum Vorjahr zu.
Entscheidend ist die Zeitachse, die in der öffentlichen Wahrnehmung fehlt: Die gravierendsten Ertragsfolgen treten typischerweise erst sechs bis zwölf Monate nach dem Höhepunkt ein. Bei einem Peak im November/Dezember 2026 heißt das: Die Ernteausfälle wirken 2027, die Verbraucherpreise 2027 und 2028. Wer die Debatte im Januar 2027 für beendet erklärt, weil der Pazifik abkühlt, hat den Mechanismus nicht verstanden.
Der Baseload, der bei Hitze ausfällt
Hier wird es für alle interessant, die berufsmäßig über Versorgungssicherheit reden.
Südamerika erzeugt rund 45 bis 50 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Kolumbien liegt bei 65 bis 70 Prozent, Paraguay bei annähernd 100. Sambia bezog 2024 über 80 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft, Simbabwe etwa die Hälfte. Das ist, in der Sprache der deutschen Energiedebatte, grundlastfähige, planbare, gesicherte Leistung.
Und dann kam die Dürre. Der Kariba-Stausee fiel, die Erzeugung brach ein, ZESCO fuhr rollierende Abschaltungen von bis zu 21 Stunden täglich. Der IWF halbierte die Wachstumsprognose Sambias für 2024 nahezu, von 2,3 auf 1,2 Prozent. In Kolumbien fielen die Reservoirfüllstände im ersten Quartal 2024 gegen die kritische Schwelle von 30 Prozent, der Netzbetreiber musste thermische Reserve maximieren, Rationierung stand im Raum.
Die Reaktion ist der eigentliche Skandal. Sambia und Simbabwe zusammen stellten 2025 laut Global Energy Monitor mehr als zwei Drittel aller in Afrika neu angekündigten Kohlekraftwerksprojekte. Ein Klimaschock hat eine klimaanfällige Erzeugungsstruktur getroffen – und die Antwort war fossile Neuinvestition mit 40 Jahren Laufzeit.
Das ist die Rückkopplung, die zählt. Nicht die zwischen Pazifiktemperatur und Monsun, sondern die zwischen Versorgungsangst und Investitionsentscheidung. Ein Diesel-Generator, ein Kohleblock und ein Batteriespeicher lösen in der akuten Krise dasselbe Problem. Zwei davon verschärfen die nächste. Welches gebaut wird, entscheidet nicht die Physik, sondern wer Kapital, Genehmigung und Lieferzeit bereitstellt – und in welcher Woche.
El Niño ist nicht der Klimawandel. Er ist die Belastungsprobe
Die Zuordnung sollte präzise bleiben, weil hier gern beides vermischt wird – von beiden Seiten.
El Niño ist ein natürlicher Zyklus, seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert, alle zwei bis sieben Jahre. Er verursacht keine globale Erwärmung; er verschiebt Wärme aus dem Ozean in die Atmosphäre und moduliert damit die Kurve, die aus anderen Gründen steigt. Klimaforscher formulieren es als temporären Aufschlag auf einen langfristigen Trend.
Was der Klimawandel jedoch nachweisbar tut, ist die Konsequenzen zu verändern:
• Eine wärmere Atmosphäre hält mehr Feuchtigkeit, El-Niño-Starkregen fällt intensiver aus.
• Höhere Temperaturen trocknen Böden schneller, dieselbe Niederschlagsanomalie erzeugt eine tiefere Dürre.
• Ein rekordwarmer Ozean liefert Stürmen mehr Energie – und die Landtemperaturen folgen den Meerestemperaturen mit rund drei Monaten Verzögerung, weshalb das Schlimmste noch aussteht.
• Ob der Klimawandel El Niño selbst verstärkt, ist noch nicht entschieden. Rekonstruktionen aus Korallen, Beobachtungen seit dem 19. Jahrhundert und Modellrechnungen deuten auf eine Amplitudenzunahme von etwa zehn Prozent im vergangenen Jahrhundert. Das ist ein ernstzunehmender Hinweis, keine belegte Tatsache. Wer daraus Gewissheit macht, arbeitet gegen die eigene Glaubwürdigkeit.
Für 2027 projiziert Carbon Brief einen globalen Mittelwert von etwa 1,7 °C über dem vorindustriellen Niveau – ein neuer Rekord mit komfortablem Abstand. Der wird dann als El-Niño-Effekt gedeutet und der Rückgang 2028 als Beweis, dass alles nicht so schlimm sei. Diesen Zyklus haben wir 2016 und 2024 durchlaufen. Er wird sich wiederholen.
Was daraus folgt
Der eigentliche Befund dieses El Niño ist nicht meteorologisch. Er ist institutionell: Wir haben eine Prognose mit sechs Monaten Vorlauf, in einer Verlässlichkeit, die es in dieser Form noch nicht gab – und wir werden die Kosten trotzdem größtenteils tragen.
Hendrix beschreibt die Aufteilung präzise: Die 986 Milliarden des ersten Jahres sind im Wesentlichen unvermeidbar. Die weiteren mindestens 6,2 Billionen sind es nicht. Sie bestehen aus aufgeschobenen Investitionsentscheidungen – Fabriken, die nicht gebaut, Felder, die nicht bepflanzt, Kliniken, die nicht ausgestattet werden – und die hängen an Kreditverfügbarkeit, fiskalischem Spielraum und externer Unterstützung.







