Der Anlass: Der Meteorologe Özden Terli war zu Gast im Batteriepodcast
Geladen. Was er dort sagt, dreht die übliche Klimadebatte um — und trifft dabei einen Punkt,
den man mit Messdaten belegen kann.
Gefragt, ob er Angst habe, antwortet Terli sinngemäß: Angst sei es nicht. Es mache ihn ratlos bis
wütend. Nicht, weil das Wissen fehle — sondern weil es da ist, seit Jahrzehnten, und trotzdem nicht
gehandelt wird. Und am Ende der Folge steht ein Appell, der für einen Podcast über Batterien
erstaunlich unelektrisch ist: Redet darüber. Das zweitgrößte Problem nach dem Verbrennen
selbst sei, dass über die Sache nicht mehr geredet werde.
Beides lässt sich prüfen. Fangen wir mit dem Wissen an.
1979: Es stand schon alles da
Im Sommer 1979 legte eine Studiengruppe der US-amerikanischen National Academy of Sciences einen
Bericht vor — nach ihrem Vorsitzenden meist Charney-Report genannt. Er beschrieb, was passiert, wenn
sich die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre verdoppelt, und gab dafür eine Bandbreite an. Diese
Bandbreite ist seither präzisiert worden. Umgestoßen wurde sie nicht.
Im selben Jahr maß die Station auf dem Mauna Loa rund 337 ppm CO₂ in der Atmosphäre. Im Juni 2026
waren es 431,4 ppm. Das sind keine Modellrechnungen, sondern eine ununterbrochene Messreihe, die
1958 begonnen wurde und seither jeden Monat einen neuen Punkt bekommt.
Dazwischen liegen: Villach 1985, wo die Forschung erklärte, dass es politisch lösbar wäre. Der
Sommer 1988, der das Thema in die Nachrichten brachte, und die Gründung des IPCC. Rio 1992 mit dem
Versprechen, gefährliche Störungen des Klimasystems zu verhindern. Kyoto 1997. Paris 2015. Und eine
Kurve, die durch all das hindurch weiter nach oben zeigt.
Terli hat also recht: Es hat nie am Wissen gefehlt. Wer das nachlesen will — ich habe genau diese
Chronologie aufgeschrieben, Jahr für Jahr, mit Quellen. Der Link steht am Ende.
Sein stärkstes Argument ist ein technisches
Interessanter als die Diagnose ist Terlis Therapie. Er ist Physiker, und er argumentiert wie
einer: Elektrifizieren, so weit es geht, weil das der effizienteste Weg ist. Kein Umweg über
Wasserstoff, wo es auch direkt geht. Und dann dieser Satz:
„Wir müssen definitiv auf null runter. Das bedeutet keine Kohle, kein Öl und kein
Gas.“
Özden Terli im Podcast Geladen, Folge 256
Kein Gas. Ausdrücklich keine Brückentechnologie. Das ist die unbequeme Version, und sie ist
physikalisch die saubere: Solange verbrannt wird, steigt die Konzentration. Ob das Molekül aus Kohle,
Öl oder Gas stammt, ist der Atmosphäre gleich.
Dazu kann ich etwas beitragen, das keine Meinung ist. Mein Haus erzeugt seinen Strom seit 2012
mit einer Photovoltaikanlage von 29,5 kWp — inzwischen rund 259 Megawattstunden über die Laufzeit.
Der Strom geht in einen Batteriespeicher von 52,5 kWh, in eine Wärmepumpe und in vier
Elektrofahrzeuge. Seit 2023 ohne fossile Energieträger: keine Öl- oder Gasheizung, kein Verbrenner.
Gemessen wird viertelstündlich.
Das beweist nichts über das Klima. Die Klimawissenschaft belegt sich selbst, und sie tut es seit
Jahrzehnten gründlicher, als ein einzelnes Haus es je könnte. Wofür es etwas zeigt, ist die andere
Hälfte der Debatte — die über Machbarkeit. Dort wird mit Behauptungen gearbeitet, die man messen
kann: dass die Sonne im Winter nicht reiche, dass sich Speicher nicht rechneten, dass Wärmepumpen
im Bestand versagten. Wer misst, bekommt darauf Antworten statt Meinungen.
Und jetzt die unbequeme Zahl
Wenn wir schon beim Reden sind, dann bitte über das, worüber am wenigsten geredet wird. Die
Energiewende wird fast ausschließlich als Stromdebatte geführt. Strom ist aber nur etwa ein Fünftel
unseres Endenergieverbrauchs — und ausgerechnet der Teil, der am weitesten ist.
| Sektor | Anteil am Endenergieverbrauch | Erneuerbaren-Anteil (2023) |
|---|---|---|
| Strom | rund 20 % | rund 52 % (brutto) |
| Wärme (Raum und Prozess) | rund 50 % | rund 17 % |
| Verkehr | rund 30 % | rund 7 % |
Die Hälfte unseres Energieverbrauchs ist Wärme, und sie ist zu über 80 Prozent fossil. Ein Drittel
ist Verkehr, dort sind es über 90 Prozent. Wer über die Energiewende spricht und dabei nur an
Windräder und Strompreise denkt, redet über ein Fünftel des Problems — über jenes Fünftel, das am
besten läuft.
Genau hier trifft sich Terlis Punkt mit den Zahlen. Elektrifizieren heißt nicht, mehr Strom für
dieselben Steckdosen zu erzeugen. Es heißt, Wärme und Verkehr in den Sektor zu holen, der sich
dekarbonisieren lässt. Jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto verschiebt Verbrauch aus einer Spalte,
in der wir bei 17 beziehungsweise 7 Prozent stehen, in eine, in der wir bei 52 stehen. Das ist der
ganze Mechanismus.
Was mit dem Geld passiert
Ein Argument von Terli wird selten gemacht und ist doch das anschlussfähigste: Was wir in
Photovoltaik und Windkraft investieren, bleibt im Land. Was wir für Öl und Gas ausgeben, ist weg —
es ist keine Investition, sondern ein Transfer an Staaten, die uns beliefern.
Man muss dafür nicht einmal das Klima bemühen. Es ist eine Bilanzfrage. Wer eine Wärmepumpe
einbaut, tauscht eine dauerhafte Zahlung ins Ausland gegen eine einmalige Investition im Inland.
Dass diese Rechnung in der öffentlichen Debatte fast nie auftaucht, sagt einiges darüber, wie die
Debatte geführt wird.
Also: reden
Terlis Appell klingt weich, ist aber der praktikabelste Teil des ganzen Gesprächs. Über das Klima
wird gesprochen, wenn es brennt, und danach nicht mehr. Dazwischen liegt die längste Zeit, und in
ihr entscheidet sich, was gebaut wird.
Reden hilft aber nur, wenn man weiß, wovon man redet. Deshalb hier das Angebot: Ich habe die
Chronologie von 1978 bis heute aufgeschrieben — was wann bekannt war, wer es wusste, was daraus
wurde. 64 Seiten, jede Angabe belegt, sechs Diagramme aus echten Messreihen statt aus
Sekundärquellen. Das ist Buch I aus meinem Band Nach bestem Wissen, und es gibt es
kostenlos als PDF.
Nicht, weil es die Debatte gewinnt. Sondern weil es die Frage „seit wann wussten wir das
eigentlich?“ mit einer Jahreszahl beantwortet, die man nachschlagen kann.
→ „Was wir wussten“ kostenlos herunterladen (PDF, 64 Seiten)
Die Podcast-Folge: Geladen — der Batteriepodcast,
Folge 256 mit Özden Terli, Meteorologe und Wettermoderator beim ZDF.
geladen.podigee.io
Erstellt mit KI-Unterstützung, fachlich geprüft und redaktionell verantwortet von Achim Karpf.






