Christian Stöcker war Ende November im Batteriepodcast Geladen zu Gast. Was er dort ausbreitet, ist keine Meinung, sondern eine Statistik — und die Frage, warum sie hierzulande so zuverlässig niemanden erreicht. Neun Monate später lohnt der Blick zurück doppelt: weil die Zahlen inzwischen noch deutlicher sind, und weil an einer Stelle der Faktenchecker selbst danebenlag.
Der Test, den fast alle verlieren
Stöcker, Professor für digitale Kommunikation an der HAW Hamburg und Kolumnist bei SPIEGEL Online, stellt seinem Publikum gern eine einzige Frage: Wie viel Prozent der weltweit im Jahr 2024 neu zugebauten Stromerzeugungskapazität war erneuerbar?
Seine Erfahrung: Bei zwei- bis dreihundert Zuhörern — Leute, die sich für das Thema interessieren — gehen ungefähr fünf Hände hoch, die richtig geraten haben.
Die Antwort der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA): 92,5 Prozent. 2023 waren es 85,8 Prozent, 2020 rund 83 Prozent. Sonne und Wind machten dabei 96,6 Prozent des erneuerbaren Zubaus aus. Global wird also praktisch nichts anderes mehr gebaut — nicht wegen COP-Beschlüssen, sondern weil alles andere teurer ist.
Wer die deutsche Debatte verfolgt, in der über den „nationalen Alleingang“ diskutiert wird, hat den Eindruck, sie finde auf einem anderen Planeten statt. Das ist ungefähr Stöckers Punkt.
Was in der Folge auf dem Tisch liegt
Die Podcastfolge arbeitet einen Katalog ab, den Stöcker in seinem SPIEGEL-Text „Spickzettel zur Energiewende“ zusammengestellt hat. Die Kernpunkte:
- China baute im ersten Halbjahr 2025 mehr Erneuerbare zu als der gesamte Rest der Welt und hält 70–90 Prozent der Produktionskapazitäten entlang der Electrotech-Wertschöpfungskette.
- Rund 60 Prozent des globalen Zubaus finden in China statt — aber die Kurven zeigen in allen Weltregionen nach oben. Ausnahme: die Petrostaaten. Dort flacht das Wachstum ab. Wer Öl und Gas verkaufen will, baut selbst am langsamsten aus.
- Der Markt für Verbrennungsmotoren schrumpft seit 2017. Nur Elektroautos wachsen. Das ist die Lehrbuchdefinition einer Disruption.
- Emerging Markets überspringen das fossile System, wie sie den stationären PC übersprungen haben. Pakistan importierte 2024 rund 17 GW Solarmodule aus China — größtenteils an den Versorgern vorbei, off-grid, privat finanziert. Die Importe chinesischer Module nach Subsahara-Afrika wuchsen binnen eines Jahres um etwa 60 Prozent.
- Unter den 20 meistverkauften Elektroautos des Jahres 2025 stammen 17 aus China, zwei von Tesla, eines aus Deutschland.
Ember, der britische Energie-Thinktank, hat für dasselbe Phänomen den Begriff Electrotech Revolution geprägt: Solar und Wind auf der Angebotsseite, E-Autos und Wärmepumpen auf der Nachfrageseite, Batterien und Digitalisierung als Verbindungsschicht. Drei Kurven, die sich gegenseitig verstärken. Elektrotech ist rund dreimal effizienter als ein fossiles System, das zwei Drittel seines Primärenergieeinsatzes als Abwärme verliert, und wird pro Verdopplung der installierten Menge etwa 20 Prozent billiger. Öl wird bei fortschreitender Förderung teurer. Das ist keine Wertfrage, das ist eine Kostenkurve.
Warum selbst die Fachleute danebenliegen
Der eigentlich interessante Teil des Gesprächs ist nicht die Statistik, sondern die Erklärung dafür, warum sie niemand kennt. Stöcker ist von Haus aus Psychologe und verweist auf den Exponential Growth Bias: Menschen können exponentielle Verläufe nicht fortdenken. Wir haben das in der Pandemie im Großversuch erlebt.
Die Pointe: Das gilt auch für die Fachorganisationen. Die IEA sammelt und referiert Daten hervorragend — und prognostiziert seit Jahren mit bemerkenswerter Konstanz, dass die PV-Kurve „jetzt“ nach rechts abknickt und linear weiterläuft. Legt man die Prognosen der letzten anderthalb Jahrzehnte übereinander, entsteht ein Fächer aus Geraden, durch den die reale Kurve ungebremst hindurchschießt. Dieselbe Struktur zeigt sich bei Elektromobilität und Batteriespeichern.
Das ist kein Detail für Statistik-Nerds. Auf diesen Prognosen basieren Netzentwicklungspläne, Investitionsentscheidungen, Kraftwerksstrategien und Ministeriumsannahmen. Wenn das Grundmodell strukturell zu flach ist, ist die gesamte darauf aufgebaute Planung zu klein.
Neun Monate später: die Kurve hat wieder gewonnen
Die Folge wurde Ende November 2025 veröffentlicht. Inzwischen liegen die Jahresdaten vor, und sie fallen deutlicher aus, als es im Gespräch klang:
- Erneuerbare haben 2025 erstmals seit rund hundert Jahren die Kohle überholt: 33,8 Prozent des globalen Strommix (10.730 TWh) gegenüber 33,0 Prozent Kohle (10.476 TWh).
- Solar legte um 636 TWh zu (+30 Prozent) — der größte Zuwachs, den je eine Stromquelle in einem Jahr erreicht hat. Allein dieser Zuwachs übersteigt die Strommenge, die sich aus sämtlichen LNG-Exporten durch die Straße von Hormus erzeugen ließe.
- Solar und Wind zusammen deckten 99 Prozent des gesamten globalen Nachfragezuwachses. Und zwar bei einem Zuwachs von 849 TWh, in dem KI-Rechenzentren und Elektrifizierung bereits enthalten sind.
- Fossile Stromerzeugung: −0,2 Prozent. Erstes Jahr ohne Zuwachs seit 2020. In China fiel die fossile Erzeugung erstmals seit 2015, in Indien um 3,3 Prozent.
- In Deutschland lag der BEV-Anteil an den Pkw-Neuzulassungen im Juli 2026 bei 29,3 Prozent — plus 61,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, während Benziner um 29,7 und Diesel um 21,8 Prozent einbrachen. Der „Einbruch der Elektromobilität“, den man hierzulande zwei Jahre lang herbeigeschrieben hat, existiert in den KBA-Daten nicht.
- Die im Podcast erwähnte EnWG-Novelle ist durch: Großspeicher ab 1 MWh sind im Außenbereich baurechtlich privilegiert (§ 35 BauGB), die Doppelbelastung mit Netzentgelten bei bidirektionalem Laden ist seit Januar 2026 gefallen. Ende 2025 standen in Deutschland rund 25,5 GWh Batteriespeicher — etwa das Fünffache von 2020/21.
Drei Stellen, an denen die Erfolgsgeschichte unsauber wird
Weil Begeisterung kein Argument ist, hier die Einschränkungen, die in solchen Gesprächen regelmäßig untergehen:
Erstens: Kapazität ist nicht Erzeugung. Die 92,5 Prozent beziehen sich auf zugebaute Nennleistung — netto, also abzüglich Stilllegungen. Ein Gigawatt PV liefert in Deutschland etwa ein Zehntel der Jahresarbeit eines Gigawatts Kernkraft. Die Zahl ist trotzdem aussagekräftig, weil sie zeigt, wohin Kapital fließt. Aber wer sie als Erzeugungsanteil verkauft, macht genau den Fehler, den er der Gegenseite vorwirft.
Zweitens: Strom ist nicht Endenergie. Ein Hörer hat das in den Kommentaren zur Folge zu Recht angemerkt: Über 80 oder 90 Prozent Erneuerbare im Stromsystem zu reden, während der erneuerbare Anteil am gesamten deutschen Endenergieverbrauch bei gut 20 Prozent liegt, ist zwei verschiedene Systeme in einem Satz. Der Grund, warum die Sache trotzdem funktioniert, heißt Effizienz: Elektrifizierung ersetzt drei Einheiten fossiler Primärenergie durch etwa eine Einheit Strom. Aber das muss man sagen, statt es zu überspringen. Ember beziffert den elektrifizierbaren Anteil der globalen Endenergie inzwischen auf 75 Prozent — die restlichen 25 Prozent (Schifffahrt, Luftfahrt, Hochtemperaturprozesse) sind ungelöst und werden nicht durch mehr Photovoltaik gelöst.
Drittens: China ist beides. Größter Treiber der Lösung und größter Emittent des Planeten. Beides gleichzeitig. Und der industriepolitische Befund ist für Deutschland unangenehm: Wir haben die Kurve mit dem EEG gezündet und danach die gesamte Wertschöpfung abgegeben. „Wir haben es angeschubst“ ist ein Trost, kein Geschäftsmodell. Eine deutsche PV-Zellfertigung, die es preislich mit China aufnimmt, kommt nicht zurück — es sei denn über einen technologischen Sprung wie eine haltbare Silizium-Perowskit-Tandemzelle mit zweistelligem Effizienzvorsprung. Möglich, aber nichts, worauf man eine Industriestrategie baut.
Der Medienteil — und ein Lehrstück in eigener Sache
Stöcker nennt das Nichtwissen um diese Zahlen ein Medienversagen und wird beim Verantwortlichen konkret: der Springer-Verlag, dessen Anteile bis Anfang 2025 zu rund 30 Prozent bei KKR lagen, einem der größten Private-Equity-Investoren im fossilen Bereich. Sein Beispiel: der Brand des Autofrachters Fremantle Highway 2023, tagelang als Elektroauto-Katastrophe verwertet. Die Untersuchung, so Stöcker in der Aufnahme, habe ergeben, dass das Feuer auf einem Deck ohne Elektroautos ausbrach.
Und hier wird es interessant, weil die Sache anders liegt.
Kurz vor Veröffentlichung der Folge berichtete die niederländische Tageszeitung Dagblad van het Noorden über einen zuvor vertraulichen Untersuchungsbericht der panamaischen Marinebehörde, der ein Elektrofahrzeug eines deutschen Herstellers als Brandursprung benennt. Stöcker hat das selbst als Nachtrag in die Shownotes schreiben lassen — mit dem korrekten Hinweis, dass eine offizielle Bestätigung durch Reederei, Untersuchungskommission oder Hersteller bislang aussteht. Ein Hörer hat in den Kommentaren zusätzlich nachgehakt.
Das ist kein Skandal. Es ist der eigentliche Lehrsatz des ganzen Themas: Wer Desinformation kritisiert, muss die eigene Beweislast am schärfsten prüfen — gerade dort, wo eine Geschichte gut in das eigene Bild passt. Ein Faktum, das man gerne glaubt, verdient mehr Skepsis, nicht weniger. Dass Stöcker das öffentlich korrigiert hat, ist genau der Unterschied zu dem Verlag, den er kritisiert. Aber der Punkt bleibt: Die Fremantle Highway taugt derzeit nicht als Beleg gegen die E-Auto-Brandmythen. Es gibt genug andere — Verbrenner brennen je nach Studie sechs- bis fünfundzwanzigmal häufiger.
Was daraus praktisch folgt
Für alle, die nicht nur zusehen, sondern in diesem System arbeiten oder investieren, lässt sich die Folge auf vier Sätze eindampfen:
- Planen Sie nicht mit linearen Prognosen. Wenn Netzanschlussbegehren für Speicher das Vielfache dessen erreichen, was Ministeriumsszenarien für 2037 angenommen hatten, ist nicht der Markt verrückt, sondern das Szenario zu klein.
- Der Engpass ist nicht mehr die Erzeugung, sondern die Flexibilität. Speicher, bidirektionales Laden, Sektorkopplung, Smart Meter. Wer Erzeugung ohne Flexibilität denkt, plant ein System mit steigenden Redispatch-Kosten.
- Netzentgelte sind der eigentliche Preistreiber, nicht die Erneuerbaren — und Speicher am richtigen Ort senken sie, weil sie Netzausbau ersetzen. Kupfer vergraben ist die teuerste aller Lösungen.
- Der Markt hat entschieden. Weltweit floss zuletzt etwa doppelt so viel Kapital in Electrotech wie in fossile Brennstoffe — und das bei einer Branche, die laut IWF allein an expliziten Subventionen über eine Billion Dollar jährlich erhält, bei impliziten Kosten in der Größenordnung von sieben Billionen. Die Erneuerbaren gewinnen gegen einen massiv verzerrten Markt. Was die Frage aufwirft, wie das Rennen ohne die Verzerrung ausginge.
Der Kipppunkt zur elektrifizierten Welt ist erreicht. Was verhandelt wird, ist nur noch das Tempo — und weil die fossile Industrie das weiß, wird sie jedes Jahr Verzögerung mit allem kaufen, was sie hat. Lobbyarbeit, Talking Points, Boulevardschlagzeilen. Es geht nicht mehr darum, ob sie verliert. Es geht darum, wie viel Erwärmung sie mit ihrer Verzögerung noch einkauft.
Quellen
- Geladen — der Batteriepodcast, Folge 215: „Völlig entfesselt — Prof. Stöcker: Atemberaubendes Tempo für PV, Wind, Batterien“ (30.11.2025), geladen.podigee.io
- IRENA, Renewable Capacity Statistics 2025 (März 2025)
- Ember, Global Electricity Review 2026 (April 2026)
- Ember Futures / Kingsmill Bond, „The Electrotech Revolution“ (September 2025)
- Kraftfahrt-Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 32/2026 (06.08.2026)
- Christian Stöcker, „Spickzettel zur Energiewende“, SPIEGEL Online
- EnWG-Novelle, BGBl. 2025 I Nr. 347; Bundesrat-Passage vom 21.11.2025
- Dagblad van het Noorden / auto motor und sport zum Untersuchungsbericht der panamaischen Marinebehörde (November 2025)







