Wie ich 35 Kilowattstunden Sonne in die teuerste Stunde des Tages geschoben habe

Symbolbild zum Beitrag: Wie ich 35 Kilowattstunden Sonne in die teuerste Stunde des Tages geschoben habe

Aus Versehen. Mit Automatik. Und genau da verdient das fossile System sein Geld.

An einem Samstag im September war mein Hausspeicher um 14:15 Uhr voll. Nicht aus dem Netz gekauft, sondern aus dem Dach: 29,5 Kilowatt Photovoltaik hatten das ohne fremde Hilfe hingestellt. Der Strom war da, er war bezahlt, er war mein.

Um 21 Uhr war der Speicher leer. Drei Viertel seines nutzbaren Inhalts, gut 35 Kilowattstunden, sind in ein Elektroauto gewandert — und zwar in genau denjenigen Stunden, in denen die Kilowattstunde am Markt 31,3 Cent gekostet hat. Dem Tageshöchstwert. Um 19:45 Uhr, exakt dann, wenn Deutschland kocht, wäscht und fernsieht.

Ich hätte dasselbe Auto am nächsten Mittag für 15 Cent laden können. Ich habe es nicht gemerkt, weil eine Automatik am Werk war, die keinen Fehler gemeldet hat. Sie hat getan, was ich ihr gesagt hatte. Ich hatte ihr das Falsche gesagt.

Faktor zwei. An einem einzigen Tag.

Die Spanne an diesem Samstag lag zwischen 15,0 und 31,3 Cent. Faktor 2,1, innerhalb von vierundzwanzig Stunden, im selben Netz, für dieselbe Kilowattstunde. Das ist kein Ausreißer, das ist der Normalzustand eines Strommarkts, in den mittags so viel Solarstrom drückt, dass er fast nichts mehr wert ist — und in dem abends Gas den Preis macht.

Diese Spanne ist die interessanteste Zahl der Energiewende, und fast niemand nutzt sie.

Wer mittags verbraucht und abends nicht, zahlt die Hälfte. Wer abends verbraucht, finanziert Gaskraftwerke. Und wer eine Automatik laufen lässt, die diesen Unterschied nicht kennt, hat Photovoltaik auf dem Dach und trotzdem eine fossile Rechnung.

Das fossile System braucht unsere Dummheit nicht. Aber es lebt gut davon.

Warum das eine Systemfrage ist und keine Spielerei

Ein einzelner Haushalt, der 35 Kilowattstunden von 19 Uhr auf 13 Uhr verschiebt, verändert nichts. Viele zusammen schon. Eine Überschlagsrechnung, keine Prognose: Zwei Millionen Haushalte, die je zehn Kilowattstunden vom Abend in den Mittag verschieben, nehmen 20 Gigawattstunden aus der Abendspitze. Über drei Abendstunden verteilt sind das rund sechs bis sieben Gigawatt – ungefähr die Leistung eines guten Dutzends großer Gaskraftwerksblöcke. Und die Abendspitze ist genau der Grund, mit dem uns die Gaslobby erklärt, wir bräuchten weiterhin „gesicherte Leistung“. Jede verschobene Kilowattstunde nimmt diesem Argument Substanz.

Nur: Verschieben passiert nicht von allein, und es passiert auch nicht durch guten Willen. Es passiert durch Steuerung. Und Steuerung, die niemand nachmisst, ist Dekoration.

Was bei mir schiefgelaufen ist, ganz konkret

Ich habe eine Kalendersteuerung gebaut: Steht eine längere Fahrt im Terminkalender, soll das Auto vorher vollgeladen sein. Vernünftig. Was ich nicht bedacht hatte: Die Steuerung wusste, dass geladen werden muss, aber nicht, wann sie anfangen soll.

Also hat sie angefangen, sobald sie den Termin sah. Einundzwanzig Stunden vor der Abfahrt. Sieben Stunden lang, quer durch den teuersten Abend der Woche, und der Hausspeicher hat mitbezahlt.

Nebenbei stand das Auto danach einen ganzen Tag bei 100 Prozent Ladestand — obwohl die Fahrzeughersteller für den Alltag ausdrücklich ein niedrigeres Ladeziel empfehlen, weil ein dauerhaft voller Akku schneller altert. Zwei Fehler in einem: teuer eingekauft und die Batterie belastet.

Was jetzt anders läuft

Drei Regeln, und alle drei sind übertragbar auf jeden Haushalt mit dynamischem Tarif:

Erstens: Rückwärts rechnen, nicht vorwärts. Nicht „ein Termin steht an, also lade jetzt“, sondern „diese Ladung dauert 1,6 Stunden, die Abfahrt ist um 20 Uhr, also darf ich bis 15:51 Uhr warten“. Das ist derselbe Gedanke, mit dem jeder Bäcker seinen Ofen einschaltet.

Zweitens: innerhalb dieses Fensters den Preis wählen. Im konkreten Fall lagen im Fenster vier Stunden zur Auswahl, zwischen 15,3 und 22,6 Cent. Die Steuerung nimmt jetzt die beiden günstigen. Kein Komfortverlust, keine zusätzliche Hardware, kein Gramm CO₂ mehr — nur eine andere Reihenfolge.

Drittens: die Frist gewinnt gegen die Ersparnis. Wird die Zeit knapp, wird geladen, Preis hin oder her. Ein Sparmechanismus, der einen mit halbvollem Auto stehen lässt, hat nichts gespart, sondern nur verschoben — auf die Nerven des Fahrers.

Die eine Frage, die ich seither an jede Automatik stelle

Nicht „läuft sie?“. Sondern: woran würde ich merken, dass sie nichts bewirkt?

Meine Automatik hat den ganzen Tag „aktiv“ gemeldet. Keine Fehlermeldung, kein Alarm, ein frischer Zeitstempel. Gemerkt habe ich es an einer einzigen Stelle: am Preis, den ich am Ende bezahlt habe.

Deshalb misst bei mir inzwischen jede Automatisierung ihre Wirkung gegen eine Größe, die sie nicht selbst erzeugt. Beim Laden ist das der Ladestand. Beim Stromeinkauf ist es die Rechnung. Beim Speicher ist es der Zählerstand.

Das ist unbequem, weil man damit die eigenen Fehler findet. Genau dafür ist es da.

Wer eine Photovoltaikanlage hat und trotzdem abends teuer einkauft, hat kein Technikproblem. Er hat ein Messproblem. Und solange wir das nicht lösen, schreibt die Gaslobby weiterhin unsere Abendrechnung.

Erstellt mit KI-Unterstützung, fachlich geprüft und redaktionell verantwortet von Achim Karpf.

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