Zwei Hurrikan-Warnungen für Hawaii innerhalb weniger Wochen. Erst Lala im August, so nah und so nass an der Big Island wie seit 1871 nicht mehr. Jetzt Lowell vor Kauai. Wer die Inseln kennt, weiß: Das ist nicht „ein wildes Wetterjahr“. Das ist die Überlagerung aus einem sehr starken El Niño und einem Ozean, der durch fossile Energien längst aus dem alten Gleichgewicht gefallen ist.
Hawaii war nie Florida
Hawaii liegt im Zentralpazifik. Dort entstehen im Schnitt vier bis fünf tropische Zyklone pro Jahr. Die allermeisten ziehen vorbei oder schwächen sich ab. Das Wasser um die Inseln ist oft zu kühl für volle Hurrikanstärke. Ein semi-permanentes Hochdruckgebiet nordöstlich der Inselkette lenkt Systeme nach Westen. Und Hawaii ist im Pazifik eine winzige Zielscheibe.
Direkte Hurrikane mit Landfall sind deshalb selten. Seit 1950 sind vor allem Kauai betroffen: Dot 1959, Iwa 1982, Iniki 1992 – Letzterer als Kategorie 4 der zerstörerischste Sturm der modernen Inselgeschichte. Auf der Big Island gab es in der Satellitenära lange keinen vergleichbaren Hurrikan-Treffer.
2026 durchbricht dieses Muster nicht zufällig.
Hurricane Lala (Mitte August) brachte eine Hurricane Warning für die Big Island. Das Auge landete nicht, die Eyewall streifte aber die Südspitze. Folgen: extreme Regenmengen (stellenweise über 40 Zoll), zerstörte Brücken, über 100 beschädigte oder fortgespülte Häuser, großflächige Stromausfälle. Lala gilt als erster Hurrikan-Einschlag dieser Art auf der Big Island seit 1871.

Hurricane Lowell (Anfang September) steht als zweite Hurricane Warning binnen Wochen. Kauai und Niihau unter Hurrikan-Warnung, Oahu unter Sturmwarnung. Lowell war zuvor Kategorie 5, näherte sich als starker Hurrikan von Südwesten – genau die Zugbahn, die für Hawaii gefährlich ist, weil das übliche Steuerhoch dann nicht mehr schützt.
Zwei solche Warnungen in einer Saison, dazu ein seltener Direkteinfluss auf die Big Island: das ist klimatologisch außergewöhnlich.
El Niño legt die Schlagzeile. Der Klimawandel legt den Boden.
Im Zentral- und Ostpazifik liegt 2026 ein sehr starker El Niño. In der Niño-3.4-Region liegen die Abweichungen um die +2,7 °C und mehr. NOAA sieht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis im Herbst und Winter in die Kategorie „very strong“ geht – mit einer realen Chance, zu den stärksten seit 1950 zu gehören.
El Niño allein erklärt Hawaii nicht. El Niño macht im Zentralpazifik mehr Aktivität wahrscheinlicher: wärmeres Wasser näher an den Inseln, schwächere Passate, weniger Windscherung. Stürme können Intensität halten, wo sie früher zerfallen sind.
Darunter liegt die zweite Schicht: die Meere sind generell zu warm.
2026 brachen die globalen Meeresoberflächen mehrfach Rekorde für den jeweiligen Kalendertag. Ende August lag das Mittel der extrapolaren Ozeane bei rund 21,1 °C und übertraf den bisherigen Tagesrekord aus dem März 2024. Ungewöhnlich, weil der jahreszeitliche Peak normalerweise im März/April liegt, nicht im August. Schon Juni und Juli waren für ihre Daten rekordwarm.
Die Ozeane speichern rund 90 Prozent der überschüssigen Wärme aus dem Treibhausgasanstieg. Fossile Energien haben diese Wärme über Jahrzehnte in den Ozean gepumpt. El Niño schiebt sie sichtbar an die Oberfläche und nach Osten. Deshalb wirken die Temperaturkarten gerade so extrem: Trend plus Extremphase.
Direkt vor Honolulu lag das Küstenwasser Anfang September bei rund 27 °C – ungefähr das September-Mittel der letzten zehn Jahre. Der Sprengstoff sitzt nicht am Strand von Waikiki. Er sitzt im offenen tropischen Pazifik, aus dem Lala und Lowell ihre Energie gezogen haben.
Zwei Systeme, eine Rechnung
Klimawandel ohne El Niño: wärmerer Ozean, mehr Wasserdampf, intensivere Regenmengen, höhere Wahrscheinlichkeit, dass Stürme näher an Hawaii überleben.
El Niño ohne den aufgeheizten Hintergrund: ein bekanntes, periodisches Risiko.
Beides zusammen: seltenes Ziel, zwei schwere Systeme, ein Ozean, der schon vorher zu warm war. Genau das sehen wir 2026.
El Niño ebbt irgendwann ab. Die Grundwärme bleibt. Die nächste La Niña kühlt regional. Sie löscht nicht, was in den oberen Wasserschichten gespeichert ist. Für den Zentralpazifik deuten Studien auf mehr intensive Systeme und eine nordwärts verschobene Zugbahn. Hawaii bleibt klein. Das Ziel wird trotzdem größer.
Was das mit Europa zu tun hat
Europa liegt nicht im Hurrikangürtel. Deshalb wirkt Hawaii weit weg. Der Ozean ist es nicht.
Das Mittelmeer hatte 2026 einen der wärmsten Julis der Messreihe. Marine Hitzewellen erfassten zeitweise den Großteil des Beckens. Nord- und Ostsee lagen im Sommer ebenfalls klar über dem langjährigen Mittel. Ein aufgeheiztes Mittelmeer ist kein Urlaubsdetail. Es ist Treibstoff für Herbstunwetter: mehr Energie in der Luft, mehr Wasserdampf, höheres Risiko für Sturzfluten, wenn die ersten Kaltlufttröge über 27–30 °C warmes Wasser ziehen. Valencia, die Balearen, Italien, Griechenland – das Muster ist bekannt. 2026 hat das Meer erneut aufgeladen.
Der El-Niño-Einfluss auf Europa ist schwächer und unschärfer als auf Peru, Australien oder den Pazifik. Der Deutsche Wetterdienst sagt klar: Aus einem starken El Niño allein folgt kein kalter Winter. Möglich ist im Frühwinter eher mild, nass und windig. Später kann eine Störung des Polarwirbels Kaltluft nach Süden lassen. Das ist keine Vorhersage, das ist ein erhöhtes Spektrum.
Global ist das Signal eindeutiger. El Niño heizt die Atmosphäre mit Verzögerung zusätzlich auf. Das Jahr nach einem starken Ereignis ist typischerweise besonders warm. 2027 gilt bereits als Kandidat für neue Temperaturrekorde. Europa bekommt das als Hitzesommer, als marine Hitzewellen, als Starkregen – nicht als hawaiianischen Hurrikan, sondern als denselben überhitzten Planeten.
Der blinde Fleck
Der eigentliche Fehler ist nicht, El Niño zu unterschätzen. Der Fehler ist, Extremwetter als Episode zu behandeln.
Menschen planen Städte, Versicherungen, Ernten, Tourismus und Netze noch so, als käme nach dem Sturm wieder das Klima der 1990er. Tut es nicht. Was 2026 bei Hawaii sichtbar wird, ist die Probe aufs Exempel: ein Ort, der als „sicher vor Hurrikanen“ galt, bekommt zwei Warnungen hintereinander. Nicht weil die Inseln gewandert sind. Weil das Wasser sich verändert hat.
Wer das nur als starkes El-Niño-Jahr abhakt, hat nicht verstanden, worauf wir uns einlassen. Die nächste Saison trägt einen anderen Namen. Die Wärme darunter bleibt. Und sie kommt nicht aus dem Nichts. Sie kommt aus Kohle, Öl und Gas, die wir weiter verbrennen, während wir so tun, als wäre das Wetter noch ein Naturereignis ohne Absender.
Hawaii ist weit. Das Mittelmeer nicht. Der Ozean schon gar nicht.
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