Blog: „F*ck the Planet“ – die ARTE-Doku, die zeigt, dass wir alles wussten

Wir hatten nie ein Wissensproblem. Wir hatten ein Interessenproblem. Selten hat eine Dokumentation diesen Satz so präzise belegt wie der ARTE-Dreiteiler „Fck the Planet“ von Jean-Robert Viallet. Ja, der Titel ist Programm – und auf einem Blog, der seit 2003 FuckFossilFuels heißt, fühlt man sich da gleich verstanden.

Die Serie (Frankreich 2021, drei Folgen à rund 44 Minuten) ist auf dem YouTube-Kanal von ARTE und in der ARTE-Mediathek frei verfügbar, laut ARTE bis April 2027. Wer sich mit Energie- und Klimapolitik beschäftigt, sollte diese gut zwei Stunden investieren. Hier ist, warum.

Keine Eisbären, sondern Akten

Die meisten Klimadokus arbeiten mit schmelzenden Gletschern, verhungernden Eisbären und dramatischer Musik. Das erzeugt Betroffenheit – und nutzt sich ab. Viallet macht etwas anderes: Er erzählt die Klimakrise als Politikgeschichte. Mit Archivmaterial, Anhörungen, Studien, Ölkrisen, Wahlkämpfen und Lobbyverbänden. Der rote Faden ist Jakarta, eine Millionenmetropole, die gleichzeitig absinkt und vom steigenden Meer eingeholt wird. Ein Ort, an dem man sehen kann, was jahrzehntelanges Zögern konkret bedeutet.

Das Ergebnis ist keine Moralpredigt, sondern eine Chronologie. Und genau deshalb ist sie so wirkungsvoll: Die Fakten erledigen die Arbeit.

Teil 1: Ist unser Klima noch zu retten?

Die erste Folge spannt den Bogen vom 19. Jahrhundert, als Forscher erstmals erkannten, dass die Industrialisierung die Atmosphäre verändern kann, bis in die 1970er-Jahre. „Die Grenzen des Wachstums“ und die Stockholmer Umweltkonferenz 1972 markieren den Beginn eines internationalen Problembewusstseins. Dann kommt die Ölkrise – und die westlichen Industriestaaten reagieren, indem sie verstärkt auf Kohle setzen. Umweltfragen rutschen nach hinten. Wissenschaftler und Aktivisten versuchen, die Regierung Carter zum Handeln zu bewegen.

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Teil 2: Als die Klimakrise bekannt wurde

Die zweite Folge ist die stärkste. 1979 kommt eine Expertenkommission unter dem Meteorologen Jule Charney zu dem Ergebnis, dass eine Verdopplung des CO₂-Gehalts der Atmosphäre zu einer Erwärmung von etwa drei Grad führen würde. Das ist, nebenbei bemerkt, im Kern bis heute die Größenordnung, mit der die Klimaforschung arbeitet.

Dann wird Ronald Reagan gewählt. Umweltauflagen werden zurückgenommen, statt Emissionsminderung setzt man auf künftigen technischen Fortschritt. Ökonomische Kosten-Nutzen-Modelle stellen eine Erwärmung um drei Grad als wirtschaftlich „optimal“ dar, während dem Klimaforscher James Hansen die Mittel gekürzt werden. Mitte der 1980er liefern Eisbohrkerne den Blick auf 150.000 Jahre Klimageschichte und belegen den beispiellosen CO₂-Anstieg seit der Industrialisierung. 1988 erklärt Hansen vor dem US-Kongress, dass der Klimawandel bereits begonnen hat.

Wer heute „Technologieoffenheit“ als Argument gegen konkrete Maßnahmen hört, wird in dieser Folge ein Déjà-vu erleben. Das Argument ist über 40 Jahre alt. Die Technologie, auf die man warten wollte, ist inzwischen da – Photovoltaik, Wind, Batteriespeicher, Wärmepumpen. Das Warten hat man trotzdem beibehalten.

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Teil 3: Die verpasste Klimawende

Nach Hansens Anhörung und der Gründung des Weltklimarats 1988 fürchtet die fossile Industrie um ihr Geschäftsmodell. Vor dem Erdgipfel von Rio 1992 gründen Öl-, Kohle- und Energiekonzerne die Global Climate Coalition. Sie finanziert tendenziöse Studien, unterstützt klimaskeptische Experten, stellt die Arbeit des Weltklimarats infrage und verzögert per Lobbyarbeit, was zu verzögern ist.

Gleichzeitig nimmt die Globalisierung Fahrt auf: Produktion wandert nach Asien, der Schiffsverkehr explodiert, globale Lieferketten entstehen – alle gebaut auf billiger fossiler Energie. Wirtschaftswachstum bleibt oberstes Ziel. Die Global Climate Coalition löst sich schließlich auf, ihre Strategie wird von marktradikalen Thinktanks weitergeführt. Am Ende steht das Bild, das wir heute überall sehen: Bangkok, New York, Japan, Jakarta investieren Milliarden in Schutz vor dem steigenden Meer. Anpassung tritt an die Stelle von Vermeidung.

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Warum diese Serie Pflichtprogramm ist

Erstens: Sie entzieht dem Fatalismus die Grundlage. Die Klimakrise ist kein Schicksal, das uns überrascht hat. Sie ist das Ergebnis konkreter Entscheidungen konkreter Akteure. Was durch Entscheidungen entstanden ist, lässt sich durch Entscheidungen ändern.

Zweitens: Sie macht Argumentationsmuster erkennbar. „Die Wissenschaft ist sich nicht einig“, „erst muss die Wirtschaft stimmen“, „warten wir auf bessere Technik“ – wer die Serie gesehen hat, erkennt diese Sätze in jeder Talkshow wieder. Und weiß, aus welchem Drehbuch sie stammen.

Drittens: Sie zeigt, dass Verzögerung die eigentliche Strategie ist. Die fossile Lobby musste die Klimaforschung nie widerlegen. Sie musste nur Zeit gewinnen. Jedes Jahr Verzögerung war ein Jahr Geschäft. Genau dieses Muster sehen wir heute in Deutschland bei Heizungsgesetz, Verbrenner-Aus und Gaskraftwerks-Subventionen.

Ein kleiner Kritikpunkt: Die Serie ist stark auf die USA fokussiert. Die europäische Seite – etwa die Rolle der deutschen Kohle- und Autoindustrie oder der Medienlandschaft – kommt nur am Rand vor. Das ist allerdings eher eine Einladung, die Geschichte weiterzuerzählen, als ein Mangel.

Fazit

„Fck the Planet“ ist eine der klügsten Klimadokumentationen der letzten Jahre, weil sie nicht fragt, ob wir es wussten, sondern warum wir trotzdem nichts getan haben. Ansehen, weiterempfehlen – und beim nächsten „Wir müssen erst einmal abwarten“ an Jule Charney denken. Der hat 1979 schon gerechnet.

Alle drei Folgen:

Teil 1 – Ist unser Klima noch zu retten?

Teil 2 – Als die Klimakrise bekannt wurde

Teil 3 – Die verpasste Klimawende

Die Serie in der ARTE-Mediathek

Zum Weiterlesen: In „Nach bestem Wissen – Was wir wussten, was kommt, was bleibt“ gehe ich genau dieser Frage nach – und weiter in die Zukunft. „Der Planet kommt klar. Wir nicht.“ erklärt, warum Klimaschutz nicht die Erde rettet, sondern uns. Und das „Handbuch der Energiewende 2026“ nimmt die meistgenutzten Lobby-Argumente auseinander – die Nachfahren derer, die in dieser Serie ihren Ursprung haben.

Erstellt mit KI-Unterstützung, fachlich geprüft und redaktionell verantwortet von Achim Karpf.

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