30,6 Grad

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Die bekannteste Zahl der Klimaforschung ist falsch — und die richtige ist unbequemer

#Hitze #Klimaanpassung #Energieinfrastruktur #Klimawandel

Es gibt eine Klimakammer an der Pennsylvania State University, in der man etwas gemessen hat, das die meisten Menschen für eine Rechnung halten.

Der Aufbau ist unspektakulär: ein Raum, in dem Temperatur und Luftfeuchte präzise steuerbar sind. Darin junge, gesunde Erwachsene, die leichte Tätigkeiten ausführen — Alltagsbewegung, kein Sport. Gemessen wird die Kerntemperatur. Gesucht wird der Punkt, an dem der Körper sie nicht mehr halten kann. Der Punkt, ab dem Schweiß nicht mehr genügend verdunstet, um die Wärme abzuführen, die der Körper selbst produziert.

Bis 2021 war dieser Punkt eine theoretische Größe. Sherwood und Huber hatten 2010 aus thermodynamischen Überlegungen abgeleitet, wo er liegen müsste: bei einer Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad. Die Zahl ist seither um die Welt gegangen. Sie steht in Risikomodellen, in IPCC-nahen Papieren, in ungezählten Artikeln über die Bewohnbarkeit von Regionen.

Dann hat jemand nachgemessen.

Kein einziger Proband erreichte 35 Grad. Der Mittelwert der kritischen Feuchtkugeltemperatur lag bei 30,6 Grad. In heißen, trockenen Umgebungen sogar darunter.

Viereinhalb Grad. So groß ist der Abstand zwischen der Zahl, die alle kennen, und der Zahl, die gemessen wurde.


Was Feuchtkugeltemperatur eigentlich bedeutet

Der Begriff ist der Grund, warum diese Debatte regelmäßig entgleist. Die Feuchtkugeltemperatur ist nicht die Lufttemperatur.

Ursprünglich wurde sie buchstäblich gemessen: ein feuchtes Tuch über ein Thermometer, dem Luftstrom ausgesetzt. Der Wert, den das Thermometer zeigt, ist die tiefste Temperatur, die sich durch Verdunstung erreichen lässt. Genau das macht der menschliche Körper mit Schweiß. Die Feuchtkugeltemperatur ist damit nichts anderes als die physikalische Untergrenze dessen, was Kühlung durch Verdunstung leisten kann.

35 Grad Feuchtkugel entsprechen 35 Grad Lufttemperatur bei 100 Prozent Luftfeuchte — oder 46 Grad bei 50 Prozent. Zwei völlig unterschiedliche Wetterlagen, dieselbe physiologische Wirkung.

Bei den 30,6 Grad, die tatsächlich gemessen wurden, verschieben sich diese Kombinationen entsprechend nach unten. Und damit auch die Landkarte der Regionen, die betroffen sind.


Der Befund, der die eigene Geschichte kaputt macht

An dieser Stelle könnte man aufhören und hätte einen soliden Alarmtext. Die eigentliche Pointe kommt aber erst.

Denn die tödlichsten Hitzewellen Südasiens der letzten Jahrzehnte lagen deutlich unter jedem dieser Schwellenwerte. Weder unter 35 noch unter 30,6 Grad Feuchtkugel. Deutlich darunter. Die Menschen sind trotzdem gestorben.

Umgekehrt gibt es 21 Wetterstationen weltweit, die im historischen Datensatz bereits Feuchtkugeltemperaturen von 35 Grad oder darüber aufgezeichnet haben. Vor allem am Persischen Golf und im Industal. Auch dort ist nicht flächendeckend gestorben worden.

Beides zusammen ergibt einen Befund, der der Schwellenwert-Logik den Boden entzieht: Die Grenze markiert nicht, wo Menschen sterben. Sie markiert, wo Physiologie allein nicht mehr ausreicht.

Der Unterschied ist entscheidend. Wer unter 30 Grad Feuchtkugel stirbt, stirbt an Vorerkrankungen, an Alter, an Medikamenten, an einer Dachgeschosswohnung ohne Querlüftung, an einer Schicht auf dem Bau, die nicht ausfallen durfte. Wer 35 Grad Feuchtkugel überlebt, überlebt, weil eine Klimaanlage lief.

Die Zahl beschreibt nicht das Sterben. Sie beschreibt den Punkt, ab dem Überleben eine Frage der Infrastruktur wird.


Und damit ist es kein medizinisches Thema mehr

Hier kippt das Thema aus der Physiologie in mein eigentliches Fachgebiet.

Wenn oberhalb einer bestimmten Kombination aus Hitze und Feuchte das Überleben von aktiver Kühlung abhängt, dann ist die relevante Frage nicht mehr, wie viel ein Mensch aushält. Die relevante Frage lautet: Wie zuverlässig ist das Stromnetz an einem 45-Grad-Tag?

Und das ist eine unangenehme Frage, weil sich dort mehrere Effekte gleichzeitig verschlechtern. Die Last steigt, weil alle gleichzeitig kühlen. Freileitungen dürfen bei hoher Umgebungstemperatur weniger übertragen. Transformatoren müssen gedrosselt werden. Thermische Kraftwerke verlieren Wirkungsgrad und dürfen bei zu warmem Flusswasser nicht mehr voll kühlen. Photovoltaik liefert bei Modultemperaturen über 60 Grad spürbar weniger als im Datenblatt.

Ein Stromausfall ist in Mitteleuropa im Februar ein Ärgernis. In einer Region, die oberhalb der Kompensationsgrenze operiert, ist er ein Massenereignis mit Todesfolge. Genau diese Regionen — Nordostindien, die Küste Westafrikas — haben heute die geringste Kühlinfrastruktur und das stärkste Bevölkerungswachstum.


Der deutsche Teil, der ehrlicherweise dazugehört

Deutschland wird 35 Grad Feuchtkugel nicht erreichen. Vermutlich auch 30,6 Grad nicht flächendeckend. Unser Klima ist dafür zu trocken.

Das macht die Zahl hierzulande nicht bedeutungslos, aber es verschiebt ihre Rolle. Sie ist kein Warnwert für uns. Sie ist eine Erinnerung daran, dass Hitze in Europa längst unterhalb aller diskutierten Schwellen tötet.

Dieser Sommer liefert den Rahmen dazu. Im Juni 2026 wurde mit 41,8 Grad ein neuer Allzeitrekord aufgestellt. Der August liegt derzeit um rund 3,7 Grad über dem Mittel der Referenzperiode 1991 bis 2020, gegenüber 1961 bis 1990 sind es 5,2 Grad. Dazu eine Dürre, die über Teilen Süddeutschlands als katastrophal eingestuft wird. Feuchtkugeltemperaturen im kritischen Bereich waren nicht dabei — und das ist genau der Punkt.

Wir diskutieren über eine Grenze, die wir nicht erreichen werden, während die Sterblichkeit an Werten steigt, über die niemand spricht, weil sie unspektakulär klingen.


Zwei Räume

Vor einer Woche ging es hier um einen Stollen in der Zugspitze, in dem gemessen wird, was die meisten für eine Metapher halten: minus 0,7 Grad, bei einer Auftauschwelle von minus 0,5.

Jetzt ein Raum in Pennsylvania, in dem gemessen wurde, was die meisten für eine Rechnung halten: 30,6 statt 35.

In beiden Fällen war die verbreitete Zahl nicht falsch aus Nachlässigkeit. Sie war eine plausible Ableitung aus Prinzipien, die niemand angezweifelt hat — bis jemand die Mühe auf sich genommen hat, in einen Raum zu gehen und nachzusehen.

Das ist keine schlechte Beschreibung dessen, was Wissenschaft tut. Und keine schlechte Erinnerung daran, wie viele unserer belastbarsten Annahmen bisher nur berechnet und nicht gemessen sind.


Quellen: Sherwood & Huber (PNAS 2010); Vecellio, Wolf, Cottle & Kenney, PSU HEAT Project (Journal of Applied Physiology 2022); Raymond, Matthews & Horton (Science Advances 2020); HadISD-Stationsdaten; DWD- und Kachelmann-Auswertungen zum Sommer 2026.

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