Zwei Zehntel Grad

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Was im Inneren der Zugspitze gemessen wird — und warum die Erzählung vom „Kleber der Alpen” zu einfach ist

#Permafrost #Klimawandel #Alpen #Zugspitze #Klimaanpassung

Es gibt einen Stollen in der Zugspitze, in dem seit fast zwanzig Jahren etwas gemessen wird, das die meisten Menschen für eine Metapher halten.

Der Kammstollen verläuft knapp hundert Meter unter dem Gipfel, entlang der Nordwand. Alle paar Meter sind Elektroden in den Fels geschraubt. Einmal im Monat rollt ein Team vom Lehrstuhl für Hangbewegungen der TU München das Kabel aus und erfasst per elektrischer Widerstandstomografie, wie weit der Permafrost im Berginneren noch reicht. Dazu kommen vierzig Felsthermometer, die die Kerntemperatur aufzeichnen. Seit 2007 jährlich, seit 2012 monatlich.

Das Ergebnis lässt sich in einem Satz sagen: Seit Beginn der Messungen ist die Kerntemperatur in diesem Bereich im Durchschnitt um ein halbes Grad gestiegen, auf minus 0,7 Grad Celsius. Ab minus 0,5 Grad beginnt das Eis im Zugspitzkalk zu tauen.

Zwei Zehntel Grad. Das ist der verbleibende Puffer im höchsten Berg Deutschlands. Kein Szenario, keine Modellprojektion, kein Emissionspfad mit Unsicherheitsband — ein Messwert aus einem Tunnel in Bayern.


Der Berg hat seinen Hochsommer im Januar

Bevor wir zu den Konsequenzen kommen, ein Detail, das mir seit Wochen nicht aus dem Kopf geht.

Das Bayerische Landesamt für Umwelt betreibt seit August 2007 eine 43,5 Meter lange Bohrung quer durch den Gipfelbereich. Die Sensoren zeigen die Jahreszeiten sauber — aber zeitversetzt. Wettersteinkalk leitet Wärme schlecht. Das Temperaturmaximum im Berginneren wird deshalb erst rund sechs Monate verzögert erreicht: im Januar. Das Minimum von minus 1,3 bis minus 2,15 Grad im Zentrum des Gipfels stellt sich erst im Juli ein.

Der Berg ist am kältesten, wenn draußen Hochsommer ist, und am wärmsten, wenn Skifahrer über ihn hinwegfahren.

Wer nach einem Bild für die Trägheit von Systemen sucht, in denen wir gerade Entscheidungen treffen, findet hier eines. Die Ursache ist längst gelaufen, wenn die Wirkung ankommt. Sechs Monate im Wettersteinkalk. Jahrzehnte im Klimasystem. Und in beiden Fällen die gleiche Versuchung, aus dem Ausbleiben der Wirkung auf die Abwesenheit der Ursache zu schließen.


Die Metapher, die alle benutzen, stimmt nicht ganz

Die gängige Erzählung geht so: Permafrost ist der Kleber, der die Alpen zusammenhält. Er schmilzt. Die Berge fallen auseinander.

Der erste Teil ist eine Vereinfachung, der dritte ist Boulevard — und der interessante Teil ist der, den die Erzählung auslässt.

Eis ist als Klebstoff nur bedingt zu gebrauchen. Unter Last verhält es sich plastisch, es verformt sich. Was Felswände tatsächlich destabilisiert, ist in vielen dokumentierten Fällen etwas anderes: Wasser. Genauer gesagt Wasserdruck in Klüften, die vorher durch Eis verschlossen waren.

Am Piz Cengalo im Bergell wurden nach dem Felssturz von 2011 massive Eiskeile sichtbar. In den Folgejahren maß man dort hohe Wasserdrücke — im Anriss des großen Bergsturzes von 2017 mit Druckhöhen von über 80 Metern. Am 23. August 2017 lösten sich drei bis vier Millionen Kubikmeter Fels. Das Material vermischte sich mit Schmelzwasser zu einem Murgang, der bei schönem Wetter bis ins Dorf Bondo lief. Am Piz Scerscen im Engadin spielte 2024 ebenfalls Wasser die entscheidende Rolle: Die Gletscheroberfläche erwärmte sich so weit, dass Schmelzwasser in den Berg eindringen und dort erneut gefrieren konnte.

Und jetzt der Befund, den ehrlicherweise dazugehört.

Blatten im Lötschental, Ende Mai 2025 — das spektakulärste Alpenereignis der letzten Jahre, ein Dorf vollständig zerstört. Die Anrissstelle am Kleinen Nesthorn zeigte die beschriebenen Prozesse nicht. Die Felsmasse war trocken und eisfrei. Eine mögliche Erklärung: Der Permafrost war dort zu kalt, als dass Wasser überhaupt hätte eindringen können.

Ausgerechnet beim Ereignis mit der größten Wucht ist die Permafrost-Kausalität also nicht sauber belegt. Die genaue Rolle von Permafrost und Gletscherrückgang bei solchen Extremereignissen ist aktuelles Forschungsthema — kein abgeschlossener Erkenntnisstand.

Das ist keine Entwarnung. Es ist etwas Unbequemeres.


Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Datenproblem.

Der Zusammenhang zwischen Erwärmung und Gletscherrückgang ist in den Alpen gut dokumentiert. Für Sturzprozesse — Steinschlag, Blockschlag, Fels- und Bergstürze — ist die Datenlage deutlich dünner. Diese Ereignisse sind selten, komplex und in ihrer Auslösung mehrfach überlagert: Geologie, Kluftsystem, Hangneigung, Wasser, Frostwechsel, Extremwetter.

Wir wissen ziemlich genau, dass sich die Bedingungen ändern. Wir wissen ziemlich schlecht, wo als Nächstes.

Genau deshalb ist der Kammstollen so wertvoll. Krautblatter beschreibt ihn als Fenster: ein Ort, an dem sich der Prozess von innen beobachten und auf die gesamten Alpen übertragen lässt. Die Zugspitze funktioniere gerade noch, sie liege gerade noch unter null — und reagiere entsprechend sensibel.

Die Zugspitze selbst ist übrigens kein akuter Gefahrenfall. Die Messungen zeigen Millimeterbewegungen ohne großen Trend, nichts, was mit den sich öffnenden Spalten am Cengalo vergleichbar wäre. Sie ist kein Menetekel. Sie ist ein Thermometer.


Hundert Jahre Infrastruktur auf gefrorenem Untergrund

Was in dieser Debatte selten erwähnt wird: Beim Bau der Standseilbahn 1928 bis 1930, beim Bau der Eibsee-Seilbahn 1960 bis 1962 und beim Ausbau der Zahnradbahn 1985 stieß man jeweils auf Permafrost.

Die gesamte touristische Erschließung der Zugspitze wurde in einen Untergrund gebaut, dessen Tragfähigkeit auf einer Annahme beruhte, die man damals nicht einmal explizit formulieren musste: dass gefroren gefroren bleibt.

Das gilt nicht nur hier. Es gilt für Seilbahnstationen, Hütten, Masten, Verankerungen, Wasserfassungen und Hochgebirgstrassen im gesamten Alpenraum oberhalb von rund 2.500 bis 3.000 Metern. Es gilt für Assets mit fünfzig, sechzig, achtzig Jahren Lebensdauer, deren geotechnische Bemessung auf Stationaritätsannahmen beruht, die gerade ungültig werden.

Was das dieses Jahr konkret bedeutet: Am 15. Juli starben am Grand Couloir des Mont Blanc ein tschechischer Bergführer und sein Begleiter durch Steinschlag. Am 5. August brach an der Matterhorn-Südwand auf etwa 3.900 Metern Fels aus. Die Walliser Rettungsorganisation verzeichnet 2026 ein Rekordjahr: allein zwischen 1. Januar und 15. Juli 1.656 Menschen, die Hilfe der Bergrettung in Anspruch nahmen.


Der Maßstab

Bleibt eine Einordnung, die den bayerischen Rahmen sprengt.

Was im Kammstollen in Zehntelgraden und Millimetern gemessen wird, läuft in der Arktis auf der Fläche eines Kontinents ab — mit einem Unterschied, der die Perspektive verschiebt: Dort geht es nicht primär um Statik, sondern um Kohlenstoff. Im arktischen Permafrost lagert etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie derzeit in der gesamten Atmosphäre. Die abrupten Auftauprozesse, die diesen Speicher öffnen könnten, sind in den meisten Erdsystemmodellen bis heute nicht sauber abgebildet.

Die Alpen sind das Fenster. Sie sind nicht das Problem.


Zwei Zehntel Grad. Der Wert steht in keinem Klimaziel, in keiner Koalitionsvereinbarung und in keinem Emissionshandelssystem. Er wird einmal im Monat in einem Tunnel unter dem höchsten Berg Deutschlands abgelesen, von einer Handvoll Leuten mit einer Autobatterie und einem Kabel.

Manchmal ist das die ehrlichste Form von Klimaberichterstattung, die wir haben.


Quellen: TU München, Lehrstuhl für Hangbewegungen (Kammstollen-Monitoring seit 2007); Bayerisches Landesamt für Umwelt (Bohrlochmessungen Zugspitzgipfel); BAFU (Bergsturz Bondo/Piz Cengalo); aktuelle Forschungsübersichten zu Sturzprozessen im Alpenraum.

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