Am 11. September 2026, um genau 11:00 Uhr, geschah etwas, das jeden, der glaubt, mit Photovoltaik und Stromspeicher die Energiewende schon im eigenen Haushalt erledigt habe, den Boden unter den Füßen wegzieht. Meine Formelsammlung in Home Assistant, die eigentlich überschüssigen Solarstrom zum Laden der Fahrzeuge nutzen sollte, rechnete an diesem Tag einen Überschuss von 14.127 Watt aus. Zeitgleich aber meldete der geeichte Netzzähler: 3.274 Watt Netzbezug. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Entweder lief der Zähler rückwärts, oder er lief nach vorne. Er lief nach vorne.
Die Formel lautete: want_charge = not (preis >= 0.27 and pv_surplus_w < 2000). Der Preis lag bei 27 Cent, der überschüssige Solarstrom sollte unter 2000 Watt liegen – dann sollte laden. Stattdessen zeigte der Sensor karpf_kirchseeon_site_power exakt 3.274 Watt Netzbezug an. Der Sensor solaredge_grid_power nur 0,25 kW, er sieht nur einen Teil der Anlage. Der Sensor pv_leistung_aktuell misst 8.466 Watt, pv_leistung_alle_anlagen immerhin 9.797 Watt. Daraus berechnet sich der Unterschied von 14.127 Watt – der in der Realität von -1.174 Watt wich.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ein System, das auf Papier 29,5 kWp starke SolarEdge-Anlage hat, 131 Module Talesun à 195 Watt auf Dach und Carport, und dazu zwei Wärmepumpen, vier elektrische Fahrzeuge und einen Batteriespeicher von 52,5 kWh brutto, an einem September-Vormittag nicht das leistet, was die Software erwartet. Es bedeutet, dass die Messung hakt, dass die Aufteilung zwischen Eigenverbrauch, Überschuss und Netzbezug in einem Haushalt mit mehreren Erzeugungs- und Verbrauchspunkten Brüche aufweist, die so schnell keiner bemerkt – bis die Zahlen widerstreiten.
Dazu kommt die politische Ebene. Am selben Tag, an dem ich diesen Widerspruch in meinem eigenen Zuhause entdeckte, warnte der Branchenverband BSW-Solar vor steigenden Kosten bei Photovoltaik-Großanlagen. Der Gebotshöchstwert von 5,9 Cent je Kilowattstunde für Freiflächen-Ausschreibungen müsse auf 7,5 Cent steigen, hieß es. Der Grund: Netzpaket und EEG-Novelle sollten Photovoltaik-Parks ihre Funktion als Kostensenker der Energiewende nicht mehr erfüllen könnten. Für Prosumer – also Verbraucher in der Niederspannung, deren Netzbezug durch eine Erzeugungsanlage hinter demselben Netzanschluss reduziert wird – ist ein Grundpreisaufschlag von mindestens 70 und höchstens 90 Prozent vorgesehen. Die Bundesnetzagentur beziffert die Mehrkosten mit voraussichtlich unter 100 Euro im Jahr, eine Gegenrechnung aus der Branche kommt auf bis zu 155 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Wichtig: Das ist die Rechnung eines Branchenvertreters, nicht der Solarbranche.
Was aber wirklich stört, steht weiter oben in der Rechnung: Die Grundpreiserlöse sollen künftig 20 bis 40 Prozent der gesamten Netzentgelte dieser Kundengruppe in der Niederspannung ausmachen. Das ist der eigentliche Strukturbruch – unabhängig vom Prosumer-Aufschlag. Netzbetreiber müssen bis zum 1. April 2028 identifizieren, welche Kunden in ihrem Netz ‘eine Prosumereigenschaft’ aufweisen, und das über die Marktkommunikation an den Lieferanten melden. Ab 1. April 2028 muss die Prosumereigenschaft auf der Stromrechnung ausgewiesen werden.
Für meinen Haushalt bedeutet das: Wir haben seit 2023 keine Öl-, Gas- oder Verbrennerheizung mehr. Kein Verbrennerfahrzeug. Vier elektrische Autos – Tesla Model S 90D, Model Y Long Range, Model S Plaid und Renault Zoé – laden zuhause über vier Tesla Wall Connector. Eine SolarEdge-Anlage mit 29,5 kWp, die seit Juli 2012 läuft, plus Carport-Module, die seit September 2026 entstehen, Balkonkraftwerke am Wintergarten und am Pavillon. Ein Tesla Powerwall mit 52,5 kWh brutto. Über 60 Automationen in Home Assistant, die den Tageszeitstrompreis und Solarüberschuss steuern sollen.
Und trotzdem: An einem September-Vormittag sagt die Formel 14.127 Watt Überschuss, der Zähler sagt 3.274 Watt Bezug. Die Zahlen passen nicht zusammen. Das ist das Unbehagen, das dieser Beitrag bewegen soll. Nicht weil meine Anlage defekt ist, sondern weil das System, das die Energiewende vom Großkraftwerk ins Eigenheim holen sollte, an den Stellen, wo es zählt, Reibungsverluste produziert, die niemand einkalkuliert hat.
Die Strommix-Daten des Umweltbundesamtes und der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen zeigen das große Bild: 2024 lag der erneuerbare Anteil an der Bruttostromerzeugung bei 59,4 Prozent, Photovoltaik trug 14,7 Prozent dazu bei. 2025 (vorläufig) sinkt der Gesamtanteil auf 55,3 Prozent, Photovoltaik steigt aber von 14,7 auf 16,5 Prozent – wetterbedingt, schwächeres Windjahr, kein Ausbaurückgang. Im Sommerquartal 2024 lag der Anteil über 60 Prozent, im Winterquartal unter 50 Prozent. Deutschland war 2023 erstmals seit 2002 Netto-Stromimporteur, 2024 rund 24 TWh netto importiert – etwa 4 Prozent des Inlandsverbrauchs.
Was bringt das für meinen Haushalt? Dass die 259 Megawattstunden, die meine SolarEdge-Anlage seit Juli 2012 erzeugt hat, ein Zeichen dafür sind, dass Photovoltaik funktioniert – aber dass allein nicht reicht. Dass die vier elektrischen Fahrzeuge, die hier stehen, rechnerisch genug Energie für tausende Kilometer liefern könnten, aber an Tagen wie dem 11. September die Rechnung auf geht nicht auf. Dass der Grundpreisaufschlag von 70 bis 90 Prozent für Prosumer und die Einstufung von 20 bis 40 Prozent der Netzentgelte als Grundpreiserlöse die ökonomische Basis der dezentralen Erzeugung untergraben, ohne dass die technische Infrastruktur dafür bereit wäre.
Die fehlenden Trassen im Übertragungsnetz, rund 14.000 Kilometer bis 2045, kosten laufend über Redispatch Milliarden. In Kalifornien sind Ende 2024 über 13 Gigawatt Batteriespeicher installiert, in Deutschland rund 30 Pumpspeicher-Anlagen mit zusammen 9,8 GW. Elektrolyseur-Zubau in Deutschland 2024: etwa 0,5 GW. Das sind die Zahlen, die bestimmen, ob der Solarstrom aus meinem Dach tatsächlich irgendwann auch die Wärmepumpe oder das Auto antreibt – oder ob er im Netz versickert, weil die Leitungen nicht reichen.
Am Ende steht für mich die Erfahrung, die keine Statistik ersetzen kann: An jenem September-Morgen, als die Formel log und der Zähler die Wahrheit sagte, habe ich gelernt, dass die Energiewende nicht dort endet, wo das Haus beginnt. Sie endet dort, wo die Messung aufhört, wo die Politik auf die Realität trifft und wo die Zahlen so verdreht werden können, dass sie sowohl für den Betreiber einer 29,5-kWp-Anlage als auch für den, der sich nur ein Balkonkraftwerk leistet, gelten müssen – ohne dass einer von beiden genau weiß, was am Ende des Monats auf der Rechnung steht.
Die fehlenden Trassen im Übertragungsnetz, rund 14.000 Kilometer bis 2045, kosten laufend über Redispatch Milliarden. In Kalifornien sind Ende 2024 über 13 Gigawatt Batteriespeicher installiert, in Deutschland rund 30 Pumpspeicher-Anlagen mit zusammen 9,8 GW. Elektrolyseur-Zubau in Deutschland 2024: etwa 0,5 GW. Das sind die Zahlen, die bestimmen, ob der Solarstrom aus meinem Dach tatsächlich irgendwann auch die Wärmepumpe oder das Auto antreibt – oder ob er im Netz versickert, weil die Leitungen nicht reichen.
Am Ende steht für mich die Erfahrung, die keine Statistik ersetzen kann: An jenem September-Morgen, als die Formel log und der Zähler die Wahrheit sagte, habe ich gelernt, dass die Energiewende nicht dort endet, wo das Haus beginnt. Sie endet dort, wo die Messung aufhört, wo die Politik auf die Realität trifft und wo die Zahlen so verdreht werden können, dass sie sowohl für den Betreiber einer 29,5-kWp-Anlage als auch für den, der sich nur ein Balkonkraftwerk leistet, gelten müssen – ohne dass einer von beiden genau weiß, was am Ende des Monats auf der Rechnung steht.
Was bleibt, ist die Verpflichtung, dranzubleiben. Nicht weil es einfach ist, sondern weil die Alternativen teurer, schmutziger und politisch schwerer wiegen. Meine Anlage wächst, die Fahrzeuge ersetzen sich, die Automationen verfeinern sich. Und irgendwann – hoffentlich bevor die Prosumereigenschaftspflicht ab 1. April 2028 flächendeckend auf der Stromrechnung landet – wird sich zeigen, ob die Rechnung aufgeht oder ob wir alle lernen müssen, mit Widersprüchen umzugehen, die wir nicht erwartet haben.
Erstellt mit KI-Unterstützung, fachlich geprüft und redaktionell verantwortet von Achim Karpf.





