Drei Zentimeter. So viel könnte der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis bis 2100 zum globalen Meeresspiegel beitragen. Das klingt nach nichts. Es ist das Doppelte dessen, was die Modelle bisher sagten – und es ist ausdrücklich die optimistische Rechnung.
Im Oktober sind dazu zwei Forschungsarbeiten durch die Presse gegangen, die man zusammen lesen muss. Die eine zeigt, dass wir das Tempo unterschätzt haben. Die andere zeigt, dass sich ein Teil davon nicht mehr zurückdrehen lässt.
Die Modelle lagen falsch – und zwar immer in dieselbe Richtung
Ein Team der University of California, Irvine und des NASA Jet Propulsion Laboratory um Mattia Poinelli hat in Nature Communications ein neues Modell des Gletschers vorgestellt. Der Kern: Die Stelle, an der das Eis vom Meeresboden abhebt, ist keine scharfe Linie, wie die meisten Modelle annehmen, sondern eine kilometerbreite Zone. Mit jeder Tide drückt warmes Meerwasser darunter und schmilzt das Eis von unten.
Sobald das Modell diese Physik abbildet und gegen mehr als zwanzig Jahre Satellitendaten geeicht wird, trifft es die tatsächliche Entwicklung seit den 1990er-Jahren – und die fällt viermal so stark aus, wie herkömmliche Modelle sie nachzeichnen. Für die Zukunft heißt das: bis zu 30 Millimeter Meeresspiegelanstieg bis 2100 aus Thwaites allein, statt rund 15 Millimeter.
Zwei Details machen die Zahl unangenehm. Erstens wurde mit konstantem Klima gerechnet, also ohne jede weitere Erwärmung. Das ist keine Obergrenze, das ist der Boden. Zweitens beziffern die Autoren die Wahrscheinlichkeit, dass sich Thwaites noch in diesem Jahrhundert vom Mouginot-Rücken löst, auf 60 Prozent. Dieser Felsriegel bremst den Gletscher derzeit. Dahinter fällt der Untergrund landeinwärts ab, und der Rückzug dürfte sich dann beschleunigen.
Selbst wenn das Meer kälter würde
Die zweite Arbeit stammt vom British Antarctic Survey (Williams et al., Geophysical Research Letters). Die Forscher haben in drei etablierten Eisschildmodellen das Schmelzen durch den Ozean komplett abgeschaltet – ein physikalisch unmögliches Bestfall-Szenario. Der Nachbargletscher Pine Island erholt sich darin und rückt wieder auf den Untergrund vor, auf dem er vor 1940 lag. Thwaites nicht. Er verliert weiter Eis, mindestens 150 Jahre lang, wenn auch langsamer.
Die Schlussfolgerung der Autoren: Der heutige Eisverlust ist zumindest teilweise die verzögerte Antwort auf eine Störung in der Vergangenheit. Durch eine Abkühlung des Ozeans allein lässt er sich auf Zeitskalen, die für Politik eine Rolle spielen, nicht umkehren. Anders gesagt: Diese Rechnung ist schon unterschrieben.
Warum drei Zentimeter keine Entwarnung sind
Erstens ist Thwaites kein Einzelfall, sondern der Korken. Der Gletscher allein enthält Eis für rund 65 Zentimeter Meeresspiegelanstieg. Vor allem aber hält er einen großen Teil des westantarktischen Eisschilds zurück, das insgesamt mehr als drei Meter beitragen könnte. Die drei Zentimeter bis 2100 sind der Anfang einer Bewegung, nicht ihr Umfang.
Zweitens wurde die Prognose nicht korrigiert, weil sich die Welt plötzlich verändert hätte, sondern weil den Modellen Physik fehlte. Der Fehler zeigte die ganze Zeit in dieselbe Richtung. Wer Klimaprojektionen als Panikmache abtut, sollte das zur Kenntnis nehmen: Die Wissenschaft war hier nicht zu alarmistisch. Sie war zu vorsichtig.
Drittens heißt „festgeschrieben“ nicht „egal“. Was die Vergangenheit angestoßen hat, läuft weiter. Wie weit es noch geht, entscheidet jede weitere Tonne CO₂. Wir zahlen bereits Zinsen auf alte Emissionen – und nehmen gerade neue Kredite auf.
Was das für die Energiepolitik heißt
Deiche, Häfen, Stromnetze, Umspannwerke und Kraftwerke an der Küste werden für 50 bis 80 Jahre gebaut. Geplant werden sie heute, auf Grundlage von Projektionen, die gerade wieder nach oben korrigiert werden. Gleichzeitig wird in Deutschland ernsthaft über neue Gaskraftwerke gestritten, die Jahrzehnte laufen sollen, und darüber, ob man die Klimaziele nicht etwas lockerer sehen könnte.
Man kann das Risikomanagement nennen. Ich nenne es eine Wette gegen die Physik.
Die ehrliche Konsequenz ist unbequem und einfach zugleich: Anpassung an das, was nicht mehr aufzuhalten ist – und kein einziges neues Investment, das uns für Jahrzehnte an fossile Brennstoffe bindet. Beides kostet Geld. Nur eines davon macht die nächste Rechnung kleiner.
Das Schmelzen der Vergangenheit holen wir nicht zurück. Das Schmelzen der Zukunft entscheiden wir gerade.
Quellen
- Poinelli et al. (2026), Nature Communications, UC Irvine / NASA JPL – Bericht bei phys.org (Oktober 2026)
- Williams et al. (2026): Mass Loss From Thwaites Glacier Continues Even Without Ocean Melting, Geophysical Research Letters – Volltext im NERC Open Research Archive
- British Antarctic Survey: Thwaites Glacier will keep losing ice even if oceans cool
Erstellt mit KI-Unterstützung, fachlich geprüft und redaktionell verantwortet von Achim Karpf.







