Ob Girokonto, Versicherungspolice oder Fondsanlage – Ihr Geld arbeitet. Die entscheidende Frage ist: Wofür? Weltweit werden neue Öl-, Gas- und Kohleprojekte noch immer über Kredite, das Platzieren von Anleihen und Aktien (Underwriting) sowie über Versicherungsverträge möglich gemacht. Ohne diese Finanz- und Absicherungsleistungen käme ein Großteil der fossilen Expansion gar nicht zustande. Finanzströme sind deshalb nicht nur ein Spiegel, sondern ein Treiber der Klimakrise. Wer die Emissionen senken will, muss die Finanzierungslinien dorthin lenken, wo sie Zukunft sichern – in erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Speicher und klimafreundliche Infrastruktur.
Wie Banken, Versicherer und Fonds fossile Projekte ermöglichen
- Kredite: Geschäfts- und Investmentbanken reichen direkte Projekt- und Firmenkredite an Öl- und Gasproduzenten sowie Kohleunternehmen aus. Diese Mittel fließen in Exploration, Förderung, Transport (Pipelines, LNG-Terminals) und Verbrennungskapazitäten.
- Anleihen- und Aktien-Underwriting: Banken begleiten die Emission neuer Anleihen und Aktien. Dadurch erhalten fossile Unternehmen Zugang zu Milliardenbeträgen am Kapitalmarkt – häufig günstiger und in größeren Volumina als über klassische Kredite.
- Versicherungen und Rückversicherungen: Kein Großprojekt ohne Deckung. Versicherer und Rückversicherer übernehmen Bau-, Betriebs- und Haftpflichtrisiken. Ohne diese Absicherung scheitern Finanzierung und Genehmigung häufig schon an regulatorischen Anforderungen.
- Fonds und Vermögensverwalter: Pensionskassen, Publikums- und ETF-Anbieter halten Anteile an fossilen Unternehmen, zeichnen deren Neuemissionen und üben Stimmrechte aus – oft mit entscheidender Wirkung darauf, ob ein Unternehmen seinen Expansionskurs fortsetzt oder ernsthafte Übergangspläne verfolgt.
Kurz: Finanzakteure sind Mitentscheider über die reale Emissionsentwicklung. Sie tragen Verantwortung – und sind zugleich Risiken ausgesetzt.
„Finanzierte Emissionen“: der blinde Fleck in vielen Portfolios
Finanzierte Emissionen sind die Treibhausgasemissionen, die einem Finanzinstitut anteilig zugerechnet werden, weil es Unternehmen finanziert, versichert oder Anteile hält. Ein Kredit an einen Pipelinebetreiber oder die Zeichnung einer Anleihe eines Ölkonzerns führt zwar nicht direkt zu Emissionen in der Bankbilanz, ermöglicht aber die Emissionen in der Realwirtschaft.
- Messung: Der Branchenstandard zur Bilanzierung ist das PCAF-Framework (Partnership for Carbon Accounting Financials). Es ordnet Emissionen anteilig dem bereitgestellten Kapital bzw. der versicherten Exponierung zu.
- Bedeutung: Für Banken, Versicherer und Fonds liegen die finanzierten Emissionen um Größenordnungen über ihren eigenen Betriebs-Emissionen. Wer seine Klimaauswirkungen ernsthaft steuern will, muss hier ansetzen.
- Hebel: Ambitionierte Ziele (Netto-Null mit Zwischenzielen bis 2030), Ausschlusskriterien für neue fossile Projekte, wissenschaftsbasierte Übergangspläne und aktives Engagement mit klaren Eskalationspfaden sind zentrale Instrumente.
Carbon Bubble und Stranded Assets: finanzielle Risiken mit Ansage
Die „Carbon Bubble“ beschreibt die Überbewertung fossiler Vermögenswerte, wenn die Welt ernsthaft Klimaziele umsetzt. Werden CO₂-Budgets eingehalten, können große Teile der bekannten Öl-, Gas- und Kohlereserven nicht verbrannt werden. Investitionen in Exploration, neue Felder, LNG-Infrastruktur und Kohleminen drohen zu „stranded assets“ zu werden – also Vermögenswerte, die vorzeitig an Wert verlieren oder abgeschrieben werden müssen.
- Übergangsrisiken: Strengere Klimapolitik, CO₂-Preise, Technologieumbruch (Erneuerbare, Wärmepumpen, E-Mobilität) und Nachfrageeinbrüche verkürzen Laufzeiten und drücken Renditen fossiler Anlagen.
- Physische Risiken: Extremwetter, Wasserstress und steigende Temperaturen treffen Wertschöpfungsketten, Immobilien und Versicherungsportfolios – mit potenziell systemischen Effekten.
- Treuhänderische Pflicht: Für Vermögensverwalter und Pensionskassen sind diese Risiken wesentlich. Paris-kompatible Szenarioanalysen und Stresstests sind kein „nice to have“, sondern Risikomanagement.
Greenwashing bei ESG – und Lücken in EU-Regeln
Nachhaltige Labels boomen, doch nicht alles, was „grün“ heißt, ist Paris-kompatibel.
- ESG ist kein Klimasiegel: ESG-Ratings gewichten Umwelt, Soziales und Governance unterschiedlich, oft mit Fokus auf finanzielle Wesentlichkeit statt Klimawirkung. Ein Ölkonzern kann ein gutes Governance-Rating haben und dennoch expandieren.
- Artikel 8/9 nach SFDR: Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) schafft Transparenz, aber Klassifizierungen beruhen bislang stark auf Selbsteinstufung. Praktiken divergieren, die Aufsicht verschärft zwar die Anti-Greenwashing-Vorgaben, doch Schlupflöcher bleiben.
- EU-Taxonomie: Die Taxonomie definiert, was ökologisch nachhaltig ist – jedoch wurden Gas (unter Bedingungen) und Kernkraft als „Übergangstechnologien“ aufgenommen. Zudem deckt die Taxonomie nicht alle wirtschaftlichen Aktivitäten ab und sagt nichts über fossile Ausschlüsse in Portfolios.
- Datenlücken: Uneinheitliche Emissionsdaten, unvollständige Scope-3-Berichterstattung und fehlende Übergangspläne erschweren Vergleichbarkeit. CSRD verbessert die Lage, aber die Umsetzung braucht Zeit.
Fazit: Regulatorik hilft, ersetzt aber nicht kritische Prüfung, ambitionierte interne Ziele und klare Ausschlussregeln für neue fossile Projekte.
Was Sie jetzt tun können: Ihr Geld klimagerecht aufstellen
1) Auf eine nachhaltige Bank wechseln
- Wählen Sie Institute, die keine neuen fossilen Projekte finanzieren, klare Ausschlusskriterien haben und finanzierte Emissionen nach PCAF offenlegen.
- Achten Sie auf transparente Kredit- und Investitionsrichtlinien, nicht nur Marketingaussagen.
2) Bei eigener Bank/Versicherung Transparenz einfordern
- Fragen Sie nach: Anteil fossiler Exponierungen, Ausschlusskriterien, Zielen bis 2030, Net-Zero-Pfad, Umgang mit Kund:innen, die expandieren.
- Bitten Sie um Berichte zu finanzierten Emissionen und Übergangsplänen. Regelmäßiges Nachfassen erhöht den Druck.
3) Fonds und ETFs auf fossile Exponierung prüfen
- Prüfen Sie Prospekte, Holdings und Engagement-Politiken. „ESG“ genügt nicht – entscheidend sind Ausschlüsse und Stimmrechtsnutzung.
- Bevorzugen Sie Paris-kompatible Indizes bzw. Fonds mit strengen Fossilausschlüssen (Neuprojekte, Kohle, Teersande, Arktis).
4) Stimmrechte nutzen
- Wenn Sie direkt oder über eine Depotbank abstimmen können, unterstützen Sie klimawirksame Aktionärsanträge, fordern Sie Übergangspläne und koppeln Sie Vorstandsvergütung an glaubwürdige Klimaziele.
- Delegieren Sie, falls möglich, an Stimmrechtsberater mit strengen Klimapolitiken oder nutzen Sie Plattformen, die klimafreundliches Proxy Voting erleichtern.
5) Divestment-Kampagnen unterstützen
- Machen Sie mit bei Initiativen, die Pensionskassen, Universitäten, Kommunen und Kirchen zum Ausstieg aus fossilen Anlagen bewegen. Öffentlicher Druck wirkt – sichtbar, messbar, schnell.
6) Politische Hebel stärken
- Fordern Sie strengere Offenlegungspflichten (inkl. finanzierter Emissionen und Scope 3), ein Ende fossiler Subventionen, Paris-kompatible Stresstests sowie Kapitalanforderungen, die Klimarisiken realistisch abbilden.
- Unterstützen Sie politische Kräfte, die ambitionierte Klima- und Finanzmarktregeln voranbringen und fossile Expansion stoppen.
Hinweis: Dies ist keine Anlageberatung. Treffen Sie Entscheidungen auf Basis Ihrer Situation und holen Sie bei Bedarf professionelle Beratung ein.
Checkliste: in 30 Tagen vom Vorsatz zur Wirkung
- Konto prüfen: Richtlinien Ihrer Bank lesen, fossile Exponierung recherchieren.
- Wechsel vorbereiten: Neues Konto bei einer nachhaltigen Bank eröffnen, Daueraufträge umziehen, Altkonto schließen.
- Versicherung ansprechen: Fragenkatalog zu Ausschlüssen und Klimazielen senden, Alternativen prüfen.
- Depot durchleuchten: Fonds-Holdings und Richtlinien checken; problematische Produkte ersetzen.
- Stimmrechte planen: Abstimmungsrichtlinien festlegen, Vollmachten/Plattformen einrichten.
- Öffentlich werden: Divestment-Petition unterschreiben, lokale Entscheidungsträger:innen ansprechen, Erfahrungen in unserer Community teilen.
- Politik kontaktieren: Abgeordnete anschreiben, Position zu fossilen Subventionen und Stresstests abfragen, Stellungnahmen mitzeichnen.
Haken Sie jede Aufgabe ab und setzen Sie Fristen. Sichtbare Fortschritte motivieren – und senden ein starkes Signal an die Finanzbranche.
Nützliche Tools und Ressourcen
- Banking on Climate Chaos (Bericht zu Bankfinanzierungen fossiler Energien): https://bankingonclimatechaos.org
- Reclaim Finance – Policy Tracker und Analysen: https://reclaimfinance.org
- BankTrack – Profile und Kampagnen zu Banken: https://www.banktrack.org
- Urgewald – Global Coal Exit List & Global Oil & Gas Exit List: https://urgewald.org
- Insure Our Future – Scorecard zu Versicherern: https://insure-our-future.com
- Fair Finance Guide Deutschland – Bewertung von Finanzinstituten: https://fairfinanceguide.de
- PCAF – Standard zu finanzierten Emissionen: https://carbonaccountingfinancials.com
- Carbon Tracker – Stranded-Assets-Analysen: https://carbontracker.org
- NGFS – Klimaszenarien für Stresstests: https://www.ngfs.net
- EU-Regeln:
- EU-Taxonomie (Überblick): https://finance.ec.europa.eu/sustainable-finance/eu-taxonomy_de
- SFDR – Offenlegung: https://finance.ec.europa.eu/sustainable-finance/disclosure-and-reporting/sfdr_de
- CSRD – Nachhaltigkeitsberichterstattung: https://finance.ec.europa.eu/sustainable-finance/disclosure-and-reporting/csrd_de
- Fondsrecherche:
- Emissions- und Branchenexponierung in Fondsdatenbanken prüfen; achten Sie auf fossile Ausschlüsse, Klimaziele und Stimmrechtspolitiken.
Tipp: Dokumentieren Sie Antworten Ihrer Bank/Versicherung. Schriftliche Nachweise erhöhen die Verbindlichkeit und erleichtern den Vergleich.
Was Politik jetzt liefern muss – und wie Sie Druck machen
Ein Paris-kompatibles Finanzsystem braucht klare Leitplanken:
- Verpflichtende Offenlegung finanzierter Emissionen und wissenschaftsbasierter Übergangspläne für alle großen Finanzinstitute.
- Paris-kompatible Stresstests und Szenarioanalysen durch Aufseher (EZB, EBA, EIOPA), mit Konsequenzen für Kapitalanforderungen, wenn Risiken ignoriert werden.
- Ende fossiler Subventionen und steuerlicher Privilegien; Umlenkung öffentlicher Mittel in Energiewende, Netze, Speicher und Gebäudesanierung.
- Taxonomie-Weiterentwicklung mit strengen Kriterien, die echte Emissionsminderungen priorisieren, sowie Anti-Greenwashing-Regeln mit Biss.
- Klare Ausschlussregeln für die Finanzierung neuer Kohle-, Öl- und Gasprojekte in öffentlichen Finanzinstitutionen.
Unterstützen Sie Initiativen und politische Kräfte, die diese Agenda vorantreiben. Setzen Sie sich bei Wahlen, in Konsultationen und im direkten Dialog mit Abgeordneten für starke Klima- und Finanzmarktpolitik ein.
Werden Sie Teil unserer Community
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- Treten Sie bei: Diskutieren Sie Leitlinien, erarbeiten Sie Faktenchecks und setzen Sie gemeinsam Ihre Bank unter Druck.
- Teilen Sie Ihre Erfolge: Von der Kontoauflösung bis zur gewonnenen Abstimmung – andere lernen von Ihren Erfahrungen.
- Unterstützen Sie politische Initiativen: Stärken Sie Kräfte, die den Klimaschutz ins Zentrum der Finanzregulierung stellen und fossile Expansion beenden.
Ihr Geld ist ein Hebel. Nutzen Sie ihn jetzt – für ein sicheres Klima, eine resiliente Wirtschaft und eine lebenswerte Zukunft.









