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90 Prozent reichen nicht: Warum nur 100% emissionsfreie Neuwagen den Verkehrssektor auf Kurs bringen

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Die Europäische Union diskutiert, ihre Klimaziele bis 2040 auf eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 90 Prozent auszurichten. Parallel dazu steht zur Debatte, das vollständige Aus für Neuzulassungen von Pkw mit Verbrennungsmotor aufzuweichen: Statt 100 Prozent emissionsfreier Neuwagen könnten nur 90 Prozent Reduktion gefordert werden. Das klingt nach Flexibilität – ist aber ein strategischer Fehler. Im Straßenverkehr führen 90 Prozent nicht in eine stabile Zielerreichung, sondern in einen teuren, langwierigen und riskanten Pfad, der Klimaziele verfehlt und Verbraucherinnen und Verbraucher stärker belastet. Ein klarer Kurs mit 100 Prozent emissionsfreien Neuwagen ist die effizienteste, gerechteste und technologisch sinnvollste Lösung.

Flottenrealität: Langsamer Austausch bremst die Klimaziele

Die Realität der Fahrzeugflotten ist träge. Pkw bleiben im Durchschnitt weit über ein Jahrzehnt zugelassen; viele Fahrzeuge sind 12 bis 15 Jahre im Einsatz, oft auch länger. Jede Neuzulassung eines Verbrenners heute bedeutet zusätzliche Emissionen bis weit in die 2040er und 2050er Jahre. Wird das Verbrenner-Aus verwässert, fahren genau diese Restverbrenner noch, wenn die EU bereits nahe der Klimaneutralität sein muss. Das Resultat: Wir verankern Emissionen in die Zukunft, die später mit hohem Aufwand kompensiert werden müssten – etwa durch teure Negativemissionen, strengere Einschränkungen an anderer Stelle oder kostenintensive Nachrüst- und Förderprogramme. Wer die Flottenphysik ernst nimmt, kommt um ein vollständiges Aus für neue Verbrenner nicht herum. Alles andere blockiert die Zielerreichung.

Fachliche Empfehlung: Verbrenner-Aus vorziehen und Lenken statt blockieren

Aktuelle Analysen empfehlen, das Verbrenner-Aus national vorzuziehen, etwa ab 2032 keine Neuzulassungen für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr zu erlauben, flankiert von einer streckenabhängigen Pkw-Maut. Beides greift ineinander: Ein vorgezogenes Aus stoppt den Zustrom neuer Emissionsquellen, die Maut schafft Nutzungsanreize hin zu weniger und effizienteren Fahrten – unabhängig von der Antriebsart. So sinken Emissionen schneller, Staus und Lärmbelastung nehmen ab, und die Finanzierung der Verkehrswende wird planbar. Entscheidend ist dabei Planungssicherheit: Klare Ziele und verlässliche Zeitpläne ermöglichen Industrie und Infrastrukturbetreibern, Kapazitäten rechtzeitig aufzubauen und Skaleneffekte zu heben.

Scheinlösungen im Pkw-Sektor: Warum Wasserstoff, E‑Fuels und PHEV nicht skalieren

Immer wieder werden alternative Pfade ins Spiel gebracht, die den Weiterbetrieb des Verbrennungsmotors ermöglichen sollen. Im Massenmarkt Pkw überzeugen sie nicht.

  • Wasserstoff im Pkw leidet unter massiven Effizienzverlusten entlang der Kette von Strom zu Wasserstoff, Verdichtung/Verflüssigung und Rückverstromung im Fahrzeug. Pro gefahrenem Kilometer wird deutlich mehr erneuerbarer Strom benötigt als bei batterieelektrischen Antrieben. Für einen Sektor mit Milliarden Fahrzeugkilometern jährlich ist das keine skalierbare Lösung.
  • E‑Fuels sind in der Herstellung energie- und kostenintensiv. Ihre verfügbare Menge wird auf absehbare Zeit begrenzt bleiben und wird dort gebraucht, wo es keine effizienten Alternativen gibt (z. B. Luft- und Schifffahrt, bestimmte Industrieprozesse). E‑Fuels im Pkw zu verfeuern wäre eine teure Verirrung: wenig Klimanutzen, hohe Kosten, knappe Ressourcen.
  • Plug‑in‑Hybride (PHEV) zeigen im Alltag erfahrungsgemäß deutlich höhere Emissionen als in Testzyklen ausgewiesen. Gründe sind zu geringe elektrische Reichweiten, fehlende Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz oder in Quartieren und Nutzungsprofile, die seltenes Laden begünstigen (z. B. Dienstwagen). Schlupflöcher in Flottengrenzwerten haben diese Diskrepanz jahrelang kaschiert. Nur realitätsnahe Messungen und Anrechnungen – etwa auf Basis tatsächlicher Verbrauchsdaten – können hier für ehrliche Klimabilanzen sorgen. Besser noch: den Fokus auf konsequent emissionsfreie Antriebe legen.

Kurz: Diese Scheinlösungen lösen weder den Effizienz- noch den Skalierungsengpass im Pkw-Massenmarkt. Sie verlängern den Verbrenner-Status quo, statt ihn zu überwinden.

Kostenwahrheit: Wer verzögert, zahlt doppelt

Mit dem europäischen Emissionshandel für Brenn- und Treibstoffe und steigenden nationalen Quoten für erneuerbare Anteile im Kraftstoff werden Benzin und Diesel teurer – unabhängig davon, ob Ölfirmen sich Zertifikate sichern oder Quoten über Beimischungen erfüllen. Diese Kosten werden weitergegeben. Je länger wir neue Verbrenner zulassen, desto größer wird die Zahl der Haushalte, die diesen Preis über Jahre zahlen müssen. Hinzu kommen Risiken durch Restwertverluste, mögliche Zufahrtsbeschränkungen in Städten und die wachsende internationale Konkurrenzfähigkeit von Elektrofahrzeugen. Ein zügiger Umstieg auf emissionsfreie Antriebe schützt Konsumentinnen und Konsumenten vor langfristigen Preisrisiken, stabilisiert Mobilitätskosten über günstigen Strom und reduziert die Abhängigkeit von geopolitisch volatilen Ölimporten. Verzögern heißt zahlen – beim Tanken, bei der Wartung, beim Wiederverkauf.

Politökonomie: Können ist da – es fehlt der Wille

Technologisch sind Hersteller in der Lage, die Umstellung auf Elektrofahrzeuge zu leisten. Es existiert ein breites Angebot an Modellen, die Entwicklungszyklen sind etabliert, und die Batteriekosten sinken langfristig. Dennoch wird das Tempo häufig gebremst – aus Renditegründen, zur Abschöpfung letzter Verbrennergewinne oder aus Angst vor Übergangsrisiken. Zeitgleich drängen konservative Kräfte in Brüssel auf weichere Regeln und Hintertüren. Das ist Politik im Sinne der Autolobby, nicht im Sinne der Autofahrerinnen und Autofahrer. Wer an klaren Regeln festhält, schafft faire Wettbewerbsbedingungen, belohnt Innovationsführerschaft und schützt Verbraucherinteressen: stabile Planung, sinkende Betriebskosten, bessere Luft, weniger Lärm.

Was jetzt politisch nötig ist

  • Am vollständigen Aus von Neuzulassungen mit Verbrennungsmotor festhalten: EU‑weit spätestens 2035, national ideal ab 2032 für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge.
  • PHEV‑Schlupflöcher schließen: realitätsnahe Emissions- und Verbrauchswerte für Regulierung und Besteuerung; Anrechnung nur bei nachweislich hohem elektrischen Fahranteil.
  • Ladeinfrastruktur zügig und bedarfsgerecht ausbauen: Schnellladeachsen entlang der Fernstraßen, verlässliche Ladepunkte in Städten und im ländlichen Raum, vereinfachte Genehmigungen, offene Schnittstellen und transparente Preise.
  • Kleine und effiziente Fahrzeuge bevorzugen: Standards und Anreize so setzen, dass ressourcenschonende Modelle im Vorteil sind – statt immer schwerere und leistungsstärkere Autos zu belohnen.
  • Soziale Flankierung sicherstellen: gezielte Förderung für einkommensschwächere Haushalte, Unterstützung des Gebrauchtmarkts für E‑Autos (z. B. Bürgschaften, zinsgünstige Kredite), faire und flexible Stromtarife, die Laden zu Zeiten niedriger Preise erleichtern.
  • Intelligente Nutzungspolitik: eine streckenabhängige Pkw‑Maut zur fairen Finanzierung und zur Reduktion unnötiger Fahrten, kombiniert mit attraktivem ÖPNV, Sharing‑Angeboten und sicherer Radinfrastruktur.

Diese Maßnahmen wirken zusammen: Sie beschleunigen die Emissionsreduktion, senken Gesamtkosten und machen die Verkehrswende alltagstauglich.

Was Sie konkret tun können

  • Kontaktieren Sie Ihre politischen Vertreterinnen und Vertreter auf Kommunal‑, Landes‑ und EU‑Ebene und sprechen Sie sich für das vollständige Verbrenner‑Aus und realitätsnahe Emissionsregeln aus.
  • Nehmen Sie an öffentlichen Konsultationen teil und bringen Sie Ihre Perspektive ein – insbesondere, wenn Entwürfe Schlupflöcher für PHEV, E‑Fuels oder Sonderwege eröffnen.
  • Unterstützen Sie lokale Initiativen für Ladeinfrastruktur, Quartiersladen und faire Stellplatzordnungen; engagieren Sie sich für sichere Radwege und besseren ÖPNV.
  • Planen Sie Ihren eigenen Umstieg: Prüfen Sie, ob ein E‑Auto, Carsharing, Fahrrad oder der ÖPNV Ihre Mobilitätsbedürfnisse kostengünstig abdecken. Rechnen Sie Gesamtkosten inklusive Energie, Wartung und Restwert – oft ist der Umstieg günstiger als gedacht.
  • Widersprechen Sie Desinformation: Klären Sie im Freundes‑, Familien‑ und Kollegenkreis über die Nachteile von Wasserstoff und E‑Fuels im Pkw auf, über reale PHEV‑Emissionen und die Vorteile batterieelektrischer Antriebe.
  • Unterstützen Sie politische Initiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die ambitionierte, sozial gerechte Regeln für saubere Mobilität vorantreiben.

Jede dieser Handlungen hilft, den Kurs zu halten: weg von fossilen Abhängigkeiten, hin zu effizienter, bezahlbarer und klimafreundlicher Mobilität.

Schluss: Jetzt die Weichen richtig stellen

Die 90‑Prozent‑Debatte verkennt die Besonderheiten des Verkehrssektors. Was auf dem Papier nach Pragmatismus aussieht, erzeugt in der Flotte einen langfristigen Emissionsanker – mit hohen Kosten und politischem Streit über Jahrzehnte. Ein eindeutiger Pfad mit 100 Prozent emissionsfreien Neuzulassungen, möglichst früh und klug flankiert, ist die robuste, faire und wirtschaftliche Lösung. Wenn wir heute Klarheit schaffen, profitieren alle: Industrie mit Planungssicherheit, Städte mit sauberer Luft, Klima und Gesundheit durch weniger Emissionen – und nicht zuletzt Sie als Autofahrerin oder Autofahrer durch geringere Betriebskosten und verlässliche Mobilität. Jetzt ist die Zeit, entschlossen zu handeln. 90 Prozent reichen nicht. Nur konsequent ist effizient.

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